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Brutalismus im Webdesign: So einfach wie möglich, oder doch einfacher?

Im Design gilt, dass die beste Gestaltung meist jene ist, die so einfach ist, dass sie keiner Erklärung bedarf. Das beste Design bedient sich intuitiv und wird ohne Worte verstanden. Ist Brutalismus also bestes Design?

Wenn du durch deine Stadt läufst und auf einen potthässlichen Betonklotz stößt, dann kannst du den entweder als potthässlichen Schandfleck im Stadtbild oder als Ausdruck des Architektur-Trends des Brutalismus bezeichnen. Das läuft getreu dem Motto „Ist das Kunst oder kann das weg?“

Halt! Stop! Ganz so einfach ist die Sache dann doch nicht.

Verfechter des Brutalismus-Trends stellen die Funktion eines Gebäudes so weit in den Vordergrund, dass für die Form überhaupt kein Raum mehr bleibt. Das kulinarische Prinzip „Das Auge isst mit“ gilt hier nicht.

Habitat 67, Montreal (Foto: Matias Garabedian)

Brutalismus war also ursprünglich eine eher minimalistische, nüchterne Sicht auf die Welt und nicht etwa Kunst, sondern maximal ein Ausdruck des funktionsorientierten Schaffensanspruches früherer Architektengenerationen. Zudem sollte die Gestaltung auch politischer Protest sein, quasi die Linkspartei in Beton.

Webdesign der Neunziger = Brutalismus?

Übertragen auf das Webdesign spielen solche Aspekte nur eine untergeordnete Rolle. Zwar kommen durchaus künstlerische Gesichtspunkte, sowie der Ausdruck einer gewissen Protestkultur zum Tragen.

Schon rein optisch hingegen war in den Neunzigern im Grunde jede Website brutalistisch. Denn es gab nur wenige Möglichkeiten, ein Design optisch ansprechend zu gestalten. Die Gestalter waren zumeist jene, die sich zuvor schon durch vollkommen überfrachtete Powerpoint-Folien einen entsprechenden Ruf erarbeitet hatten.

Wer erinnert sich nicht an Beepworld, Geocities und im Grunde eigentliche alle damals verfügbaren Websites? Nach dem Motto „Wir hatten ja nix“ wurde Webdesign mit der Brechstange betrieben. Seiten waren teilweise so hässlich, dass nach deren Besuch unmittelbar ein Augenarzt aufgesucht werden musste.

Heutzutage hingegen finden wir Templates an jeder Ecke des Internets. Mit diesen Templates kann sogar Opa Heinz, einst der gefürchteteste Geocities-Bewohner, eine optisch ansprechende, funktional leicht bedienbare Website ins Netz der Netze laden. Mit einem CMS, wie WordPress, ist es sogar noch leichter. HTML-Kenntnisse werden nicht benötigt, Wissen zu CSS, PHP oder Javascript schon gleich gar nicht.

Homepage-Baukästen wie Wix oder Webydo, die voll grafisch arbeiten, nehmen uns den letzten Rest an Ehrgeiz ab, uns intensiver mit grundlegenden Web-Technologien zu beschäftigen.

HTML oder kein HTML: Kulturkampf im Web

Grauenhaft, sagen die einen, und wollen dahin zurück, wo du ohne ein paar relativ profunde Webmaster-Kenntnisse und ein Grundwissen in HTML ein Niemand warst.

Perfekt, sagen die anderen, und führen ins Feld, dass das Web nicht als Spielwiese für Designer und Coder gedacht war, sondern lediglich eine Technologie bieten wollte, mit deren Hilfe Inhalte weltweit frei publiziert und abgerufen werden konnten. Und immerhin sind wir ja heutzutage einen ganzen Schritt näher am Publishing von Inhalten durch jedermann, als wir es in den Neunzigern waren.

Wir dürfen also mit einiger Bestimmtheit sagen, dass das Web in seiner Grundkonzeption Inhalt und nicht Gestaltung ist. Dem stimmen frühe Webmaster wie Justin Jackson umstandslos zu. Ebenfalls erhellend wird sich dieser Blick in die Motivation des Web-Erfinders Tim Berners-Lee auswirken.

Widersprechen sich die beiden Ansätze denn überhaupt? Sicherlich bringen uns moderne Werkzeuge immer weiter weg von den technischen Grundlagen des Web, allen voran dem Schreiben von HTML mit der Hand. Andererseits eröffnet gerade dieser Umstand einer breiten Zahl von Menschen überhaupt erst die Möglichkeit, sich aktiv am Web zu beteiligen, also Inhalte zu teilen.

Natürlich ist der Eindruck gerechtfertigt, dass sich Webdesign immer mehr vereinheitlicht. Strittig ist lediglich, ob das nun gut oder schlecht ist.

Brutalismus im Webdesign

Wir können also den aktuellen Brutalismus-Trend durchaus mit Protest an den Gegebenheiten in Verbindung bringen. Hier gestalten Personen ihre Websites mit voller Absicht in einem Stil, den man heutzutage nicht mehr zeigen müsste, weil die technischen Möglichkeiten nun mal nicht mehr auf dem Stand der Neunziger sind.

Ist es Nostalgie, die hier eine Rolle spielt? Früher war alles besser? Ist es eine Frage der Ideologie? Geht es um Web-Purismus auf den Spuren der initialen Aussagen eines Berners-Lee? Ist es etwa so wie Punk oder Gothic? Also eine auffällige Form, sich so von der Norm abzugrenzen, dass diese Norm es auch bemerkt?

Das ist schwer zu beurteilen. Wir können relativ sicher sagen, was es nicht ist. In aller Regel ist es nicht der Mangel an Kenntnissen.

Das fand Pascal Deville, Partner bei der Züricher Kreativagentur „Freundliche Grüße“ recht bald heraus, nachdem er schon im Jahre 2014 seine Sammlung brutalistischer Websites unter dem Namen „Brutalist Websites“ aus der Taufe gehoben hatte.

Brutalist Websites: Sammlung hässlicher Webdesigns. (Screenshot: D. Petereit)

Zu dieser Erkenntnis gelangte Deville über die Codeanalyse. Diese zeigte vielfach den Einsatz moderner Technologien und optimierte Abläufe, die aber dennoch zu potthässlichen Layouts führten. So konnte nichts anderes als Absicht unterstellt werden.

Was spricht denn nun für Brutalismus im Webdesign?

Die Macher einiger der gelisteten Websites beziehen in kurzen Interviews Stellung zu der Frage, warum sie eine brutalistische Seite betreiben. Die Antworten variieren von „weil es mir Spaß macht“ über „ich stamme aus einer brutalistischen Gegend“ bis hin zu „weil es zur Zeit im Trend liegt“. Eine eindeutige Motivation ist nicht zu erkennen.

Wenn uns die Betreiber nicht einmal aus erster Hand gute Gründe liefern können, müssen wir wohl selber spekulieren. Betrachten wir das Thema aus Marketing-Sicht, kommen wir nicht umhin, anzuerkennen, dass eine brutalistische Website mit großer Wahrscheinlichkeit eine höhere Aufmerksamkeit erreichen wird, als eine Streamline-Version des letzten Template-Bestsellers. Wenn es gut läuft, geht das Design sogar viral. Wir sollten uns allerdings vorher gut überlegen, was wir sagen, wenn wir gefragt werden, warum wir in 2018 eine Website starten, die aussieht, wie aus den Neunzigern übrig geblieben.

Ganz generell ist Minimalismus einer der Megatrends der jüngeren Zeit. Und was ist Brutalismus anderes als Minimalismus? Gut, es ist eine besonders hässliche Form des Minimalismus, aber das ist doch eine Detailfrage.

Wenn dein brutalististisches Design gut gemacht ist, ist es quasi automatisch zugänglich und somit auch responsiv, ganz ohne sonstige technische Vorkehrungen. Wenn es dabei nicht so hässlich wäre, könnte es glatt als Best Practice durchgehen.

Gnadenlos durchgezogener Brutalismus kann im Grunde neben dem Protestaspekt nur eine glaubhafte Erklärung haben: Kunst, denn über Kunst lässt sich nicht streiten. Das sieht man an der Yale-Universität in jedem Falle so. Schau dir ganz unerschrocken die Website der dortigen School of Art an:

Das ist wirklich die Website der Yale School of Art. (Screenshot: D. Petereit)

Insgesamt ist es auffällig, dass Brutalismus häufiger in der rein künstlerischen Ecke vorkommt als anderswo im Netz. Bist du also Künstler, willst du vielleicht mal ein brutalistisches Auge auf deine Außendarstellung werfen.

So kann es funktionieren: Brutalismus in entschärfter Form

Wenn wir davon ausgehen, dass wir weder Protest transportieren, noch progressiv künstlerisch rüberkommen wollen, wofür könnten wir Brutalismus dann nutzen? Etwa gar nicht? Das geht natürlich auch.

Aber, es ist durchaus möglich, die positiven Effekte des modernen Brutalismus mitzunehmen, ohne gleich wie ein Gestaltungs-Legastheniker zu wirken.

Schau dir das Beispiel des Online-Magazins The Outline an:

Das brutalistische Online-Magazin The Outline. (Screenshot: D. Petereit)

Ausnehmend hässliche Gestaltungselemente harmonieren mit modernem Designkonsens und legen so den Fokus auf die einzelnen Beiträge des Magazins. Das kann sicherlich nicht jeder so machen, aber bei The Outline passt die Optik zum Konzept. Schau dir nur die Unterstreichungen an. Sie sind in Wellenform angelegt und bewegen sich dabei auch noch. Schaurig schön.

Auch die Designagentur AKU aus Tallinn in Estland bietet so eine schaurig schöne Brutalistenoptik. Da sich die Agentur ausdrücklich an Kunstschaffende richtet, ist es nur logisch, dass die eigene Präsentation extravagant ausfällt. Otto Normalverbraucher kommt kaum damit zurecht, aber der potenzielle Kunde wird es toll finden:

Nicht minder erstaunlich präsentiert sich die Designagentur AKU aus Estland. (Screenshot: D. Petereit)

Alles, was du benötigst, um die Möglichkeiten des Brutalismus für dich einzusetzen, ist Fantasie und Mut. Denn in der heutigen Design-Welt ist es schwierig, sich abseits der ausgetretenen Pfade neue Wege zu suchen, die deine Besucher dann auch mitzugehen bereit sind. Wenn dir das aber gelingt, dann hast du ein gutes Alleinstellungsmerkmal.

Designerin Maria Grilo geht sogar so weit, zu behaupten, dass Brutalismus genau die Form von schlechtem Einfluss ist, die wir brauchen, um unsere Designs wieder zu echtem Leben zu erwecken. Ob das allerdings stimmt?

Bildnachweis: Das Beitragsbild stammt von Ralf Roletschek / Roletschek.at und zeigt ebenfalls das Habitat 67.

Von Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design.

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