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Dieter Petereit 4. März 2019

Umdenken: Web-Apps sind besser als native Apps

Bei so vielen Smartphones brauchst du doch unbedingt eine App. So denken nicht wenige Unbedarfte, im Designerjargon auch als Kunden bekannt. Aber sogar Fachleute empfehlen bisweilen, bei Redesigns direkt auf native Apps zu setzen, anstatt auf eine Website. Warum das falsch ist, erklärt dieser Artikel.

Lass uns gleich zu Beginn erst einmal die Begrifflichkeiten festlegen. Wenn im folgenden von Website und App die Rede ist, dann ist auf der einen Seite die im Web aufzurufende Präsenz, also die Web-App, gemeint und auf der anderen Seite die native App, wie wir sie aus den App-Stores dieser Welt kennen. Eine Web-App in diesem Sinne wäre also eine Website mit erweiterter Funktionalität und Anbindung an die Sensorik moderner Endgeräte.

Menschen verbringen immer mehr Zeit mit ihren mobilen Geräten

Zum Thema der Nutzung nativer Apps gibt es einen ganzen Reigen verschiedener Studien, die mal die eine, mal die andere Sichtweise unterstützen. Häufig kommt es allerdings allein darauf an, wie wir die Studienergebnisse lesen. Schauen wir uns einmal die schlagkräftigsten Beispiele an.

Im US Mobile App Report für das Jahr 2017 (eine neuere Version liegt noch nicht vor) veröffentlicht das Statistikunternehmen Comscore Zahlen zur Verweildauer von Nutzern mobiler Geräte. Dabei stellt sich heraus, dass mobile Nutzer 87 Prozent ihrer Zeit in Apps verbringen und nur 13 Prozent mittels mobiler Browser im offenen Web. Diese Zahl ist ebenfalls seit Jahren weitgehend stabil, obschon in den letzten Jahren rückläufig zu Gunsten der Mobilbrowser.

Na, das ist doch mal eine ganz klare Aussage, mag dein Kunde jetzt denken. Ich brauche eine App für mein Unternehmen. Immerhin habe ich damit eine Chance von 87:13, dass ich mobil wahrgenommen wäre. Allein, die Annahme ist falsch.

Denn schauen wir uns die Top 10 der Apps an, wird schnell klar, dass es sich hier gar nicht um eine Konkurrenzsituation zwischen dem offenen Web und dem App-Kosmos handelt. Die Nutzer verwenden ihre Geräte schlicht ganz anders.

Quelle: comScore

Dabei ist es gerechtfertigt, die Facebook-App aus der Betrachtung heraus zu nehmen, denn hier handelt es sich lediglich um eine appifizierte Form der Webnutzung. Facebook ist nun mal die mit Abstand größte digitale Präsenz des Planeten. Das können wir nicht als Referenz sehen. Gleiches gilt für YouTube. Hier bietet die Verwendung der mobilen Site keine Vorteile. Die App greift auf die gleichen Inhalte zu.

Auffällig: Acht der zehn meistgenutzten Apps gehören entweder Facebook oder Google. Hat dein Kunde da eine Chance, zu konkurrieren? Die Statistik liest du übrigens so: 81 Prozent der Smartphone-Nutzer verwenden die Facebook-App usw.

Schauen wir mal mit eMarketer auf die Nutzungsfelder mobiler App-User. Das sind zumeist solche, die auf dem stationären Computer so gut wie keine Rolle (mehr) spielen. Das liegt vornehmlich an der sehr gezielten Ausrichtung mobiler Apps auf mobile Geräte. Natürlich werde ich ein kleines Spiel lieber auf meinem Smartphone spielen. Immerhin hat es Sensoren, die das Spielen interessanter machen und ich habe es immer dabei. Auch Produktivitäts-Apps, wie Aufgabenplaner, Kalender und so weiter, nutze ich selbstverständlich gerne auf dem Smartphone, denn da habe ich sie stets verfügbar. Kleine Utilities haben sich ihren Marktanteil erst über die Verfügbarkeit von Smartphones selbst geschaffen.

Der Bereich Gaming ist mit 14,3 Prozent stabil vertreten. Gegen die sozialen Netzwerke mit ihrem Anteil von 23,9 Prozent kommen die Gamer jedoch nicht an. 18,7 Prozent Anteil können die mobilen Video-Apps für sich verbuchen. Die Zahl wurde in früheren Jahren gar nicht bestimmt. Musically und Co haben da einen regelrechten Boom erzeugt. Allen dieser Anwendungsfälle gemeinsam ist, dass es sich um für mobile Geräte prädestinierte Nutzungen handelt.

Abschließend schauen wir noch auf einen Screenshot der Top-Apps im Google Play Store vom heutigen Tage:

Keine Website als App zu finden. (Screenshot. D. Petereit)

Was fällt dir sowohl bei den obigen Studien, wie auch bei dem eben gezeigten Screenshot auf? Richtig, es ist keine große Marke mit einer App vertreten, die die klassischen Aufgaben der bisherigen Website wahrnehmen würde.

Learning #01:

Apps werden sehr selektiv genutzt und müssen sich hinsichtlich ihres Anwendungszwecks optimal für die mobile Nutzung eignen. Reine Informationsbeschaffung findet auf mobilen Geräten nur in Höhe der bereits genannten dreizehn Prozent mobiler Browsernutzung statt.

Deshalb lohnt es sich auch nicht, eine App zu erstellen, die der reinen Informationsbeschaffung dienen würde. Das verstehst du sofort, wenn du mal überlegst, ob du schon mal im App-Store nach einem Restaurant, Friseur oder IT-Dienstleister gesucht hast. Nee, hast du nicht.

Die normale Durchschnitts-App existiert nicht mehr

In 2014 galt, dass der durchschnittliche Smartphone-Nutzer 8,8 Apps pro Monat installiert. Diese Zahl hatte sich zu dem Zeitpunkt seit drei Jahren kaum verändert. Aktuellere Zahlen aus 2017 zeigen, dass sich der Wert inzwischen deutlich nach unten korrigiert hat. Nur 49 Prozent der untersuchten Nutzer installieren überhaupt noch Apps; 32 Prozent zwischen einer und drei Apps im Monat.

Noch schlimmer wird der Ausblick, wenn wir jetzt Localystics zu Wort kommen lassen, die herausfanden, dass die durchschnittliche Android-App innerhalb von 90 Tagen nach der ersten Verwendung über 71 Prozent ihrer aktiven Nutzer wieder verliert. Schon nach dreißig Tagen liegt der Wert bei 57 Prozent. Dabei musst du noch berücksichtigen, dass die Quote über alle Apps gemittelt ist. Hier heben Games den Schnitt an. Würden wir Games rausrechnen, lägen wir eher bei um die 90 Prozent Verlustrate.

Im ersten Quartal 2018 betrug die verfügbare Anzahl an Apps, allein für iOS, runde zwei Millionen. Die Zahl blieb seit 2016 relativ stabil. Im Google Play Store finden wir sogar 3,8 Millionen Apps zum gleichen Zeitpunkt. Damit hat sich deren Zahl seit 2016 nahezu verdoppelt.

Aus diesen Zahlen lässt sich schlussendlich nur eine logische Schlussfolgerung ziehen. Biete deinen Kunden auf keinen Fall eine App an, es sei denn, sie gehören zu den wenigen, die in das oben genannte Profil fallen.

Nehmen wir als Beispiel Snapchat. Hier ist die App das Produkt. Die Website weist lediglich auf den Download der App hin. Dieses Unternehmen benötigt selbstverständlich eine App, es ist quasi die App. Aber der normale Durchschnittskunde fällt damit nur auf die Nase.

Learning #02

Die mobile Internetnutzung steigt weiterhin an, wenn auch nicht mehr so rasant, wie in den ersten zehn Smartphone-Jahren. Die Nutzung von Apps hingegen, ist eher rückläufig. Es empfiehlt sich daher nicht, Kunden eine App vorzuschlagen. In nahezu jedem Falle wird eine responsive Website als progressive Web-App eher das Mittel der Wahl sein. 

Vorteile responsiver Websites im Vergleich zu nativen Apps

Es mag trivial erscheinen, aber es gibt natürlich ein paar handfeste Vorteile , die responsive Websites von nativen Apps abgrenzen. Dabei handelt es sich nur dann um tatsächliche Vorteile, wenn man zuvor, anhand des bisher Gesagten, schon zu dem Ergebnis gekommen ist, dass eine native App wohl nicht das richtige für den Kunden Kasulke & Co. ist.

Bevor wir zu den Vorteilen kommen, wollen wir noch kurz festhalten, dass die Standardisierung der Webtechnologien dazu geführt hat, dass frühere Nachteile von Web-Apps gegenüber nativen Apps, allen voran der Zugriff auf Gerätefunktionen, kaum noch eine Rolle spielen. Lies unsere Artikel zu PWA hier und hier und überzeug dich selbst.

Nun aber zu den Vorteilen einer Web-App gegenüber der nativen Mobil-App:

Die Kosten sind weit geringer

Die Kosten einer responsiven Website sind um einiges geringer als die Kosten einer App. Das gilt zumindest dann, wenn man an die App gewisse ästhetische Anforderungen stellt und nicht mit dem erstbesten Baukastensystem zufrieden ist.

Ich habe eben eine vorhandene Website hinsichtlich ihrer sinnvollen Funktionen als App umgesetzt und für deutlich weniger Funktionalität ungefähr die dreifache Entwicklungszeit gebraucht. Das war dem Kunden schwer zu vermitteln.

Du brauchst keine App-Store-Regularien einzuhalten

Native Apps müssen zur Überprüfung eingereicht werden und kommen manchmal erst nach Tagen im App-Store an, von wo aus sie den Weg auf das Endgerät finden können. Jedes Update muss erneut durch diesen Prozess. Es ist erforderlich, entsprechende Developer-Accounts bei den Store-Betreiber anzulegen und zu pflegen. Eine responsive Website stellen wir einfach online.

Dadurch ist die Verfügbarkeit höher, quasi sofort

Der letzte Satz sagt es bereits. Responsive Websites stellen wir einfach online und schon sind sie verfügbar. Sie müssen nicht installiert werden. Nichtsdestotrotz ist es möglich, unsere responsive Website quasi installationsfähig zu machen. Der Nutzer legt sich dann ein Icon auf dem Homescreen an, von wo aus er künftig jederzeit die entsprechende Website starten kann. Mit PWA haben wir noch weitergehende Möglichkeiten.

Die Sichtbarkeit im offenen Web ist ebenfalls höher als im App-Store

Eine responsive Website gestalten wir nach allen Regeln der SEO-Kunst und sorgen so dafür, dass sie weit oben in den Suchergebnisseiten landet. Mit einer App können wir das nur mittelbar, indem wir eine Website, die den Download promotet, entsprechend der gleichen Regeln anlegen. Wer wird einen solchen Zwischenschritt für sinnvoll erachten? Zumal sich die Sichtbarkeit nicht auf die Inhalte der App erstrecken würde. Auch in diesem Punkt gewinnt klar die responsive Website.

Und, wenn du es selber nicht kannst, kauf dir Expertise ein

Die Umsetzung einer Web-App ist, wie weiter oben bereits bemerkt, weitaus schwieriger als die Entwicklung einer „normalen” Website. Das gilt zumindest dann, wenn du App-ähnliche Features bieten willst, die Nutzer auf mobilen Geräten möglichst begeistern, mindestens jedoch überzeugen.

Nun mag es durchaus sein, dass du deine Schwerpunkte eher im Design siehst und nicht so sehr an der programmierenden Front. Der Durchschnittskunde wird sich aber dafür nicht interessieren und nur selten dafür zu begeistern sein, dass er dich fürs Design und jemand anderen fürs Coding beauftragen soll.

Ich plädiere daher seit jeher für das interne Outsourcing, auch Teamwork oder kollaborative Auftragsabwicklung genannt. Ich habe ein kleines schwarzes Buch voll mit Adressen von Experten zu unterschiedlichsten Themen. Im Falle der Erstellung einer Web-App größeren Umfangs etwa würde ich mir nicht selber die Finger am Code brechen, sondern das Team von TMS aus Belgrad anheuern. Die sind absolute Experten in der Erstellung von Web-Apps und die Tatsache, dass das Preisniveau im Herkunftsland niedriger ist als hier, erlaubt mir Margengewinne, die ich gerne zur Deckung des Regieaufwands verbuche.

(Bildnachweis Artikelbild: Depositphotos)

Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design.

Ein Kommentar

  1. Und noch zwei wichtige Punkte: Nutzer muss kein Update installieren! Somit jederzeit Aktualisierbar ohne das der Nutzer etwas mitbekommt. Einer der Hauptgründe für mich persönlich. Nichts ist nerviger als wöchentliche fast schon tägliche App-Updates

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