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Flash-Magazine: Multimediale Printprodukte

Im Netz tauchen immer mehr regelmäßig erscheinende Magazine auf, die zwar wie Papierhefte gestaltet sind, aber dank Flash-Technik viel Multimedia enthalten. Ein lohnendes Konzept? Warum sollte man im Internet die Haptik und Optik von Papiermagazinen digital…

Im Netz tauchen immer mehr regelmäßig erscheinende Magazine auf, die zwar wie Papierhefte gestaltet sind, aber dank Flash-Technik viel Multimedia enthalten. Ein lohnendes Konzept?

Warum sollte man im Internet die Haptik und Optik von Papiermagazinen digital nachbauen? Ganz einfach: Sie hat sich bewährt! Das Umblättern von Seite zu Seite ist ein einfaches und funktionales Interface. Das Publizieren linearer Artikelzusammenhänge verschafft dem Leser einen schnellen Überblick über die zu erwartenden Inhalte und letztlich geht dem Herausgeber nichts an digitalen Vernetzungsmöglichkeiten und Multimedia verloren. Das Beste aus zwei Welten also?

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Das neueste LivePaper ist „Treffpunkt Kino“

Flash holt auf
Im Grunde schon, wenn sich die Autoren und Gestalter an die wichtigsten Grundregeln der Benutzbarkeit halten. Bildschirmseiten haben deutlich weniger Platz als Papierseiten und können nicht so klein und eng beschrieben werden. Weniger Content pro Seite ist also mehr Komfort für den Leser.

Experimente in Sachen Typographie bleiben experimentellen Titeln vorbehalten, bei denen Gestaltungsvarianten zum Kerngeschäft gehören, etwa Magazine für Designer oder Künstler. Und natürlich darf ein solches Magazin gerne druckbar sein, wenn die Zielgruppe das wünscht.

Immer häufiger kommt bei solchen Produkten Flash zum Einsatz und ersetzt das etwas sprödere PDF. Der FlashPlayer hat einen hohen Verbreitungsgrad und startet deutlich schneller als der Adobe Reader. Für den Autor ist das Einarbeiten von Animationen, Videos und Original-Interviews wesentlich einfacher. Dafür fehlt das Standard-Interface. Es bleibt den Autoren überlassen, die Regeln fürs Weiterblättern zu definieren und wo das der Fall ist, mangelt es nicht an unverständlichen, unsichtbaren und unbedienbaren Ansätzen. Es gilt: Die Inhalte in der Seite können so kreativ wie möglich sein, die Navigation der Seiten hingegen bleibt möglichst einfach, konservativ, vielleicht sogar banal.

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Als Drucklösung hinterlegt Livepaper einfach ein PDF

Die ersten Großprojekte
Nachdem es bereits seit geraumer Zeit kleinere und weniger populäre Flash-Mags auf dem Markt gibt, hat nun der Münchner Entertainment-Media-Verlag erstmals mit größerem Aufwand populäre Titel digitalisiert. GamesMarkt ist ein Magazin für Computer- und Konsolenspiele, die Musikwoche hat sich auf Nachrichten und Neuerscheinungen in der Musikszene spezialisiert. Beide Genres verfügen über ein Füllhorn digitaler Materialien – vom Demo-Level des neuesten 3D-Spiels bis zur letzten Single-Auskoppelung von Robbie Williams. Die Hersteller nutzen den digitalen Vertriebsweg gezielt für Promotion-Maßnahmen und stellen den entsprechenden Publikationen massenhaft interessante Inhalte zur Verfügung.

Die erste Hürde nämlich die Frage, ob ein digitales Magazin dem Leser einen Mehrwert bieten kann, ist also schnell beantwortet. Spannend wird nun die regelmäßige Verarbeitung solcher Inhalte in den Redaktionen. Dafür haben die Entwickler beim Entertainment Media Verlag ein digitales Standardformat namens „LivePaper“ auf Flash-Basis entwickelt. Das ist nicht nur schön anzuschauen, sondern kann auch durch Datenbanken und ein Redaktionssystem befüllt werden. Somit kann der Verlag zum Beispiel Personenprofile hinter Artikel legen, die per Mausklick oder per RollOver über ein Foto angezeigt werden. Die Profile müssen nicht immer wieder neu erzeugt werden, sondern sie entstammen einer bereits vorhandenen Datenbank.

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Online-Werbung im Flash-Format kann mühelos in Flash-Magazine integriert werden

Die Redakteure müssen also im Vorfeld sorgfältiger arbeiten, Interviews digital Mitschneiden und Videos selbst drehen, statt nur digitale Fotos anzuliefern. Bis das reibungslos läuft, ist noch viel Arbeit zu leisten. Der schon häufig ausgelobte neue Beruf des Multimedia-Journalisten bekommt hier endlich seine digitale Spielwiese.

Die Grenzen
Es sind also im Wesentlichen zwei Fragen, die ein Herausgeber mit „Ja“ beantworten können muss, ehe er sich der Produktion eines eigenen Flash-Magazins widmet:

  1. Bieten die digitalen Inhalte, die ich anbieten kann, einen Mehrwert?
  2. Kann ich diese Inhalte mit vertretbarem Aufwand produzieren und publizieren?

Das Interface von LivePaper funktioniert aus Benutzersicht schon recht ordentlich. Natürlich sind die Ladezeiten recht lang, aber dafür haben Leser in den angesprochenen Genres Verständnis. Auf wenig Gegenliebe stößt dagegen die Tatsache, dass sich die vergrößerten Seiten nicht im sichtbaren Bildschirm verschieben lassen, wie man das vom PDF kennt. Auch mit RollOvers muss vorsichtig umgegangen werden, sonst löst ein versehentliches Verrutschen des Mauszeigers bereits den Download eines Interviews aus. Doch diese Kinderkrankheiten lassen sich in Griff kriegen.

An die Stelle der drastisch gesunkenen Vertriebskosten im Vergleich zur Papierform eines Magazins treten Kosten für Online-Marketing und Suchmaschinenoptimierung. Das Pricing eines solchen Magazins kann höchstens dem entsprechen, was die Papierform kostet. Da das für die Herstellung kaum ausreicht, müssen innovationsfreudige Sponsoren und Werber zur Finanzierung gewonnen werden.

Hier liegt die eigentliche „Kerner-Arbeit“, denn der neue Werbemarkt muss überhaupt erst ins Leben gerufen werden. Die Anzeigenabteilungen haben ein großes Stück Überzeugungsarbeit zu leisten. Allerdings haben Sie einen Trumpf in der Hand: Die meisten Unternehmen, die heute Online-Werbung machen, nutzen dafür Flash-Layer. Solche Werbemittel lassen sich ohne jeden Medienbruch blitzschnell in ein Flash-Mag integrieren. Die Handling-Kosten gehen gegen Null. Das Angebot an sehenswerten Flash-Mags ist noch übersichtlich.

Beispiel: Treffpunkt Kino, GamesMarkt, Musikwoche
Die Angebote des Entertainment Media Verlags aus München vermitteln einen Eindruck, wohin die Reise digitaler Mehrwertmagazine gehen kann. Fast jedes Element auf den Magazin-Seiten ist irgendwie verlinkt. Sei es mit einem Schauspielerporträt, mit einem aktuellen Song eines Musikers oder mit dem Trailer aus einem Kinofilm. Selbst statische Werbformate werden mit kleinen Überblendungstricks um etwas Bewegung angereichert.

Die Navigation ist eingängig. Bei der Verwendung von Firefox gibt es Probleme im Zoom. Die Seiten sind dann nur teilweise sichtbar. Sehr gelungen ist die Druckversion: Hinter jeder Seite liegt einfach ein verlinktes PDF. Link

Beispiel: NewWebPick e-Zine
Alle zwei Monate erscheint eine neue Ausgabe dieses Magazins für digitale Kunst in jeder Form. Das Online-Heft hat es sich zur Aufgabe gemacht, interessante und innovative Gestaltungsideen aus allen Bereichen des täglichen analogen und digitalen Lebens weltweit vorzustellen.

Die Online-Variante wird ein Einzelteile zerlegt und kann als Interviews, Artikel, kommentierte Links und in Projektvorstellungen durchforstet werden. Das Flash-Magazin ist als Offline-Variante konzipiert. Es muss alle Inhalte tragen und ist mit 37 MB nicht gerade schlank, zumal die Übersee-Server keine guten Datenraten im Download zulassen. Das Ergebnis ist freilich umwerfend. Videos, Musik, Animation jede Menge Interaktion und tolle Illustrationen warten in einem 200 Seiten umfassenden Digitalmagazin.

Zwei Millionen Leser erreicht NWP mit seinem e-Zine, will man den eigenen Angaben Glauben schenken. Zumindest die Werbeindustrie scheint sich darauf einzulassen. Jede Menge Lifestyle-Artikel unter anderem auch iPod und Nokia Handys kommen digital animiert und interaktiv zum Zug.

In punkto Selbstvermarktung hat NWP einen interessanten Ansatz gewählt: Das Flash-Mag ist auch über Tauschbörsen erhältlich. Die Tatsache, dass nur eine selbstausführende Exe-Datei und kein sichereres Flash-File (SWF) angeboten wird, ist unterdessen zu kritisieren. Link

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Die Seiten von NWP lassen sich mit der Maus ziehen und umblättern

Beispiel: Encore
Ebenfalls ein Flash-Magazin mit Stilrichtung Digitalkunst, Deisgn und Fotografie ist Encore, eines von drei Magazinen, umgesetzt von Magwerk. Die beiden Macher Pascal Jeschke und Daniel Harrington sind schon seit einem Jahr bei der Arbeit und präsentieren derzeit die vierzehnte Ausgabe in opulenter, sehenswerter Optik.

Encore gibt sich bescheiden, in Sachen Multimedialität. Kleiner Animationen und eine unterlegte Sound-Atmosphäre müssen genügen. Dafür gefällt die das einfache Interface und die Online-Integration bei der Darstellung der Leserbriefe, die zum Zeitpunkt des Aufrufs vom Server geladen werden. Link

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Die Leserbriefe in „Encore“ kommen direkt vom WebServer

Beispiel: Mooncruise
Auch ohne Videos, Animationen und Spezialeffekte lässt sich ein gutes Flash-Mag erzeugen. Das beweist Mooncruise jeden Monat aufs Neue. Das Magazin kombiniert die Arbeiten von Fotografen mit der Musik einer ausgewählten Band. Die Musik wird zum verbindenden Stimmungsteppich unter den völlig unterschiedlichen Motivserien der Fotografen und schafft eine abgeschlossene Einheit, vergleichbar einem Rundgang in einem Museum.

Das Interface ist denkbar simpel. Neben einfachem Vor- und Zurückblättern kann der Benutzer auch die Kapitel sprich die einzelnen Fotografen direkt anspringen, in dem er den Index am Fuß der Seite nutzt. Nicht mehr und nicht weniger. Link

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Tolle Fotos und neue Musik kombinert Mooncruise zur Flash-Diashow

Beispiel: Spoonfork
Katja Neumann aus Oberhausen beschäftigt alle zwei Monate mit allen möglichen und unmöglichen Lifestyle-Inhalten. Die Musik steht im Mittelpunkt. Eine MP3-Playlist mit Links zu legalen, kostenlosen Downloads findet im Flash-Mag statt, im Magazin selbst gibt’s aber nichts auf die Ohren. Dafür bekommt man jede Menge Links nach überall und reichlich Zusatzgimmicks in Form von Gewinnspielen, dem Sternschnuppen-Himmel zum Abschalten oder dem Smart Advice, dem kleinen Entscheidungshelfer für den Alltag.

Sehr gelungen ist die Hauptnavigation über ein klassisches Inhaltsverzeichnis. Beim „Heft im Heft“ beißen sich aber die beiden identischen Navigationsansätze. Zu leicht wird das Sofa-Special überblättert. Etwas mehr Multimedia wäre wünschenswert. Link

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Kleine Gimmicks, wie Smart Advice reichern das Spoonfork-Magazin interaktiv an

Beispiel: Weitere Flash-Mags
Es gibt vor allem noch in der Design-Szene eine ganze Reihe weiterer Flash-Magazine, die jedoch fast alle nur mit Grundfunktionalität ausgestattet sind. Mehr als Vor- und Zurückblättern ist selten möglich. Dazwischen kann man dann bunte Bildchen angucken oder versuchen, viel zu stark komprimierte Texte zu lesen. Magazine wie Tigermagazine oder Newpiece dienen aus dieser Sicht eher der Abschreckung, auch wenn die Inhalte ansprechend sein mögen. ™

Erstveröffentlichung 10.11.2005

Von Frank Puscher

Autor der Fachbücher "Leitfaden Web-Usability", "Flash MX-Das Kochbuch" und "Die Tricks der Internet Künstler". Frank Puscher ist nicht nur ein angesehener Autor, der für zahlreiche Fachzeitschriften tätig ist, er ist auch als Schulungsleiter und Berater erfolgreich.

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