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Frauen, Männer und Text

Spätestens seit den immer wiederkehrenden Aufregern um „Political Correctness“ macht sich Müdigkeit breit. Viele wollen am besten gar nicht mehr über Fragen wie das Geschlecht der Besucher nachdenken. Aber unsere Sprache verrät oft, ob wir männlich…

Spätestens seit den immer wiederkehrenden Aufregern um „Political Correctness“ macht sich Müdigkeit breit. Viele wollen am besten gar nicht mehr über Fragen wie das Geschlecht der Besucher nachdenken. Aber unsere Sprache verrät oft, ob wir männlich oder weiblich sind und sie erzielt entsprechende Reaktionen beim Publikum.

Das Geschlechtsspezifische an der Sprache bleibt zuerst nebulös. Mit der häufigen direkten Ansprache „Sie“ geht keine Zuweisung einher. Aber, wenn auf der Autoseite gefragt wird, ob „Sie Lust auf Girls“ hätten oder auf der Modeseite erklärt wird, dass „Sie perfekte Beine brauchen, um einen Minirock tragen zu können“, dann wird Ihnen sehr deutlich unterstellt, welcher Gruppe sie angehören.

Jenseits solcher Extrembeispiele einzuschätzen, womit man eine Gruppe spezifisch anspricht oder wie man allgemein bleibt, ist nicht leicht. Einige verbreitete Ansichten sind ein guter Ausgangspunkt, um die Problematik zu beleuchten.

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Fachsprache
Häufig wird behauptet, Männer würden Fachjargon schätzen, Frauen dagegen allgemeinverständliche Sprache, die Fachausdrücke weitgehend umgeht. Aber was soll eine derart platte Trennung für die Praxis aussagen? Will eine fachkundige Webdesignerin wirklich erklärt bekommen, was AJAX ist? Schlagen männliche Laien gern Ausdrücke nach, die sie nicht kennen?

Je nach Art der Seite kann ein Glossar Abhilfe schaffen. Auch einmalige Begriffserklärungen, bevor dann in der Folge der Fachausdruck verwendet wird, müssen den Lesefluss nicht stören.

Beziehung zum Leser
Auch hier soll es einen typischen Unterschied zwischen Mann und Frau geben. Frauen schätzen demnach eher den kollegialen Ton. Identitifikation und Sympathie sind wichtiger, als Knappheit und Seriösität. Da ist auch Raum für Höflichkeitsfloskeln und klar markierte Bescheidenheit. Statt das eigene Urteil als möglichst gewichtig darzustellen, muss der Autor seine Fehlbarkeit einräumen.

Männer sind dieser Logik zufolge auf der Suche nach einer Autorität, die möglichst nützliche Informationen anbietet, statt Unterhaltung oder Sympathie. Sich vom Kenntnisstand des Lesers abzusetzen, wird da gerade als Vorzug begriffen. Steht der Autor höher als der Leser, wird er eher als Autorität akzeptiert.

Den richtigen Ton treffen
Angeblich suchen vorrangig Männer nach einem Stil, der Seriösität vermittel:. korrektes Deutsch, nur vorsichtige Wertungen und gern etwas spröde. Lieber frisst man sich durch einen Relativsatz zuviel, als dass man den Eindruck bekommt, der Artikel über Hochdruckreiniger könnte nicht fundiert und ernstzunehmen sein. Umgedreht das Klischee bei Frauen. Die wollen vor allem unterhalten werden und das gern mit informellem Stil. Dass ein Text sprachlich unterhält, ist genau so wichtig, wie der Inhalt.

Klischees
Viele der oben getroffenen Zuweisungen sind statistisch belegt. Damit sind sie aber immer noch bestenfalls Trends, schlimmstenfalls ein sicheres Mittel, Leser abzuschrecken. Oder haben Sie sich in jeder dieser Zuweisungen wiedergefunden?

Natürlich spielt das Geschlecht des Zielpublikums eine wichtige Rolle – aber es bleibt eine Einzelstimme im Chor der Faktoren. Wie alt, wie gebildet, wie fachkundig die Leser sind, das ist alles mindestens genau so wichtig wie das Geschlecht. Und natürlich bestimmt vor allem der Kontext der Webseite den Ton. Die Sprache, die sie auf einer Webseite sprechen, beeinflusst maßgeblich, wer sie lesen will. Je stärker Sie also sprachliche Klischees bedienen, desto eher werden Sie von den lebenden Vertretern des Klischees besucht. Das kann eine gewisse Erwartungssicherheit schaffen, aber auch das Publikum von Anfang an einschränken.

Guter Text versucht, mehrere Faktoren auf einmal zu berücksichtigen. So lange die Zielgruppe eines Textes (wie etwa bei einem Frauen- oder Männermagazin) nicht klar definiert ist, sollten Sie Klischees vermeiden. Und auch dann sollten Sie im Auge behalten, dass die typischen Vorlieben immer höchstens auf eine Mehrheit zutrifft – dass es also große Minderheiten in ihrem Publikum gibt, die sie mit vorschnellen Rollenzuweisungen abschrecken.

Berücksichtigen Sie ruhig die oben aufgelisteten Klischees, aber überbewerten Sie die nicht. Und seien Sie besonders vorsichtig, wenn die Hauptzielgruppe nicht dem eigenen Geschlecht entspricht, hier ist ein gutes Lektorat besonders wichtig.

Alle ansprechen
Ein offensichtliches Problem wurde noch nicht behandelt: Die richtige Anrede, die so genannte geschlechtergerechte Sprache. Gerade an der Frage entzünden sich häufig oberflächliche Debatten um vermeintliche Sprachverstümmelungen. Hier helfen vor allem Ruhe und ein paar Grundsatzentscheidungen.

Vorsicht ist geboten bei Formulierungen mit Schrägstrich („Leser/innen“) und Binnen-I („LeserInnen“). Beide Varianten haben den Vorteil zu verdeutlichen, hier werden beide Geschlechter angesprochen. Tauchen die Formulierungen allerdings durchgehend in Fließtexten auf, dann fühlen sich viele Leser gestört. Das muss nicht an einer Ablehnung der Gleichberechtigung von Mann und Frau liegen, sondern kann auch mit Desinteresse oder persönlicher Sprachästhetik zu tun haben. Deswegen sind die Formulierungen vor allem für Stellenanzeigen oder zentrale Stellen auf der Webseite, an der die Inklusivität der Seite verdeutlicht werden soll, wichtig.

Man kann aber auch umformulieren. Viele Wörter sind in der Grundform grammatisch männlich. Geschickte Wortwahl kann den Verdacht ausräumen, Sie würden jenseits der Grammatik vor allem Männer ansprechen. Sie können aus den Besuchern „das Publikum“ machen, aus den Kunden „die Kundschaft“ und so weiter. Ist das systematische Durcharbeiten aller Texte nicht realistisch möglich oder wollen Sie auf bestimmte Ausdrücke nicht verzichten, hilft zumindest ein kurzer Hinweis an zentraler Stelle, dass sich natürlich auch Frauen angesprochen fühlen sollen.

Wenn Sie Geschlechtergerechtigkeit beim Texten nicht für eine Zumutung halten, sondern gezielt auch den weiblichen Teil des Publikums ansprechen wollen, finden Sie zum Beispiel beim Webservice der Stadt Wien eine schöne Checkliste.

Kompromisse
Die Geschlechterproblematik ist ein Minenfeld – kein Wunder, dass gern so getan wird, als gebe es da keine Probleme. Einfache Strategien oder immer richtige Taktiken im Umgang mit der Problematik gibt es nicht. Ein Bewusstsein für die Herausforderungen zu entwickeln, ist zumindest ein nötiger Anfang. ™

Erstveröffentlichung am 02.09.2008

Von Jan Bojaryn

Sprachwissenschaftler, freier Autor und Texter. Befasst sich seit fast 20 Jahren professionell mit Sprache, Webdesign, Usability und Kommunikation im Netz. Schreibt Artikel und Ratgebertexte zu verschiedenen Themen. Liebt guten Text, nutzerfreundliches Design und Currywurst.

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