Hootsuite übernimmt Seesmic: Hat der Bessere gewonnen?

Es war absehbar. Es war absehbar, dass nicht beide Unternehmen im neuen Twitter-Ökosystem ihren Platz finden würden. Und im Grunde war es auch absehbar, betrachtet man Seesmic und Hootsuite nebeneinander, dass es wahrscheinlicher sein würde, Hootsuite machte das Rennen. Denn während Hootsuite proaktiv auf Twitter zuging und sich frühzeitig und als einer der ersten Drittanbieter den Status eines „Twitter Certified Products“ sicherte, befand sich Seesmic seit Monaten auf dem Rückzug. Den vorläufigen Höhepunkt fand der Niedergang (schön, oder?) Seesmics mit der Übernahme und nachfolgenden Verstümmelung des bis dahin extrem populären Dienstes Ping.FM. Jetzt ist Seesmic insgesamt Geschichte…

Seesmic: Glanzvoller Start mit großen Erfolgen

Es begann alles vielversprechend. Loic Le Meur, polarisierender Firmenchef Seesmics, schien klare Visionen von der Zukunft sozialer Netzwerke zu haben und war als Redner auf den diversen Konferenzen dieser Welt omnipräsent. Vielleicht hätte ihm damals zur Verbesserung der Bodenhaftung mal jemand Helmut Schmidts Einstellung mitteilen sollen. Der sagte bekanntlich: „Ein Mensch, der Visionen hat, sollte mal zum Arzt gehen.“

Dabei stellte Seesmic vor einigen Jahren, zunächst als AIR-Tool, dann auch als Web-App und auf den diversen mobilen Plattformen, weitgehend die Funktionalität bereit, die heutzutage von Hootsuite dominierend ausgeliefert wird. Sogar eine native App, etwas das Hootsuite bis zum heutigen Tage fehlt, stellte man zur Verfügung.

Auch das Prinzip, weitere Funktionen via Plugin zuzufügen, hatte Seesmic schon früh realisiert. So konnten auch Enterprise-Dienste, wie Yammer und Chatter frühzeitig mit Seesmic verwendet werden. Das invisibli-Plugin sorgte für Auswertemöglichkeiten, wie man sie jetzt in Hootsuite kennt. Wann also kam der Bruch?

Verfolgt man Seesmics Entwicklung zurück, stellt man fest, dass eine ganze Weile der Enduser im Fokus des Produkts stand. In dieser Zeit wurden Desktop- und mobile Apps entwickelt und kostenlos verfügbar gemacht. Die Entwicklung ging rasant vonstatten. Auch hier bei Dr. Web sprachen wir mehrfach Empfehlungen für Seesmic aus. Nach der Integration von Salesforce Chatter, einer Alternative zu Yammer, schien das Unternehmen den Enterprisemarkt als Geldquelle für sich nicht zu entdecken, eher zu vermuten. Seesmic CRM wurde ins Leben gerufen, Salesforce-Kunden waren die Zielgruppe. Salesforce betreibt das weltweit erfolgreichste Customer Relationship Managementsystem (CRM), das als Software-as-a-Service (SaaS) betrieben wird.

Parallel dazu versuchte das Unternehmen, das Endkundenpotenzial zu monetarisieren, indem Pro-Versionen der Seesmic-Mobilapps angeboten wurden. Welcher der beiden Wege letztlich nicht funktioniert hat, kann nur vermutet werden. Ich schätze, der eine ist gescheitert, während der andere auch nicht erfolgreich war.

Seesmic: Keine Fantasie zur Fortentwicklung

Zuletzt wollte Seesmic nach der Übernahme von Ping.FM nochmal richtig durchstarten. Allerdings ging gerade dieser Schuss komplett nach hinten los. Auch wir bei Dr. Web schrieben Anfang Juli 2012 „Seesmic Ping: So tötet man einen populären Service“ und bezeichneten es rundheraus als Frechheit, das Seesmic von einer Fortentwicklung des Ping.FM-Dienstes sprach, wo es sich eigentlich um eine Verstümmelung handelte, von ehemals 32 Diensten, die man automatisiert ansprechen konnte, blieben ganze vier übrig. Für den neuen Dienst rief man zudem Preise auf, die sich mit allen wassern gewaschen hatten.

Zur Wettbewerbssituation mit Hootsuite meinten wir:

An dieser Stelle konkurriert Seesmic Ping – kommerziell betrachtet – in erster Linie mit Hootsuite, deren Angebot allerdings funktional über Seesmic Ping hinaus geht. Auch Hootsuite bietet einen kostenlosen Account. Dieser ist dann auf fünf Social Media Konten beschränkt, statt der drei bei Ping. Jedoch gibt es keinerlei Begrenzung bei der Zahl der täglichen Postings. Und selbst wenn man die Pro-Version von Hootsuite zu benötigen glaubt, weil man umfangreiche Berichte rund um die Statistik der eigenen Aktivitäten haben möchte, liegt man mit $ 9,99 monatlich deutlich unter den Werten, die Seesmic Ping aufruft. Zudem ist Hootsuite ein vollwertiger Client im Stile von Tweetdeck und anderen und nicht eine reine Statusmeldungsabschussrampe wie Seesmic Ping. Den vier Services von Ping setzt Hootsuite immerhin sieben entgegen. Neben Twitter, Facebook und LinkedIn stehen noch Foursquare, WordPress, MySpace und mixi zur Verfügung. Versenden nach Zeitplan kann Hootsuite ebenfalls.

Man musste also kein Prophet sein, um zu erkennen, dass Seesmic Ping ein Angebot ohne nennenswerte Marktchancen war.

Jetzt also ist Schluss mit Seesmic insgesamt. Hootsuite kaufte das Unternehmen. Es ist nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt der sich verschärfenden Konkurrenz und unter dem Licht der aktuellen Twitter-API-Änderungen ein logischer Schritt. Hootsuite kann verschiedene Assets des Unternehmens gut gebrauchen. Da wäre die CRM-Erweiterung zu nennen, aber auch die nativen Desktop-Apps, sowie die breitere Palette an mobilen Apps. Hootsuite verfügt bis jetzt auch nicht über eine Windows Phone App, Seesmic hingegen schon.

Die offiziellen Äußerungen, auch aus dem Hause Seesmic sind jubelig wie immer. Seesmic verspricht, den Übergang so geschmeidig wie möglich für die bestehenden Nutzer zu gestalten. Das dürfte schwierig werden…

Links zum Beitrag:

  • HootSuite Acquires Seesmic – Hootsuite-Blog
  • SEESMIC HAS BEEN ACQUIRED BY HOOTSUITE – Seesmic-Blog

Von Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design.

Ein Kommentar

  1. Mit den Seesmic Apps wurden nun zwei imho sehr hilfreiche Anwendungen aus dem Marketplace entfernt. Ersatz unter dem Titel Hootsuite gibt es natürlich nicht…
    Dabei war Seesmic Ping die einzige App für WP, mit welcher man mehrere FB Fanpages UND Twitter Accounts erfolgreich von unterwegs mit Content beschicken konnte.

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