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Das Märchen von der Relevanz, oder: Die Mehrheit schweigt

Reaktionen auf deine Netzaktivitäten sind viel wert? Du bedauerst, dass deine Beiträge so selten kommentiert werden? Derlei Reaktionen werden häufig überschätzt. Warum das so ist, erfährst du im folgenden Beitrag.

Klar, vom Besucher zu erfahren, welche Änderungen er sich wünscht, wie er deinen Artikel bewertet, welche Meinung er zu Sachthemen hat, bringt dir als Seitenbetreiber im Prinzip konkrete Vorteile. Und deine Leserinnen und Leser, Besucherinnen und Besucher freuen sich, wenn sie die Seite mitgestalten können.

Allerdings musst du diese Art von Feedback richtig einzuschätzen wissen.

Die Weisheit von 2,4 Millionen

Der Literary Digest wollte 1936 wissen, wer die Präsidentschaftswahlen in den USA gewinnen würde. Also wurden 10 Millionen Amerikaner angeschrieben und gefragt, wen sie wählen würden. Immerhin 2,4 Millionen antworteten und sagten dem republikanischen Kandidaten einen deutlichen Sieg voraus.

Zur selben Zeit unternahm der aufstrebende Wahlforscher George Gallup eine Befragung nach dem Quotenverfahren: zufällig ausgewählte Menschen, im Verhältnis nach Kriterien wie Status, Glaube und Geschlecht dem amerikanischen Durchschnitt angepasst. Die wenigen Tausend befragten Menschen sagten den Sieg des Demokraten Roosevelt richtig voraus. Gallup wurde zur Ikone der Sozialforschung, den Literary Digest kennt heute niemand mehr.

Die Lektion ist klar: Nur wer sich bemüht, der Gesamtheit seiner Besucher näher zu kommen, kann mit den gewonnenen Zahlen etwas anfangen. Besucher, die Feedback geben, sind jedoch eine Untergruppe mit unklarer Zusammensetzung.

Der Besucher wählt

Besonders nutzlos sind Polls zu Sachfragen, wie man sie häufig auf Nachrichtenseiten antrifft. Hier wird natürlich nicht dem Volk, sondern den Besuchern einer Seite aufs Maul geschaut. Und natürlich stimmen vor allem die Leute ab, die eine klare Meinung und ein starkes Mitteilungsbedürfnis haben. Kann eine Person auf einer Webseite mehrmals wählen, wird am Ende lediglich gemessen, welche Vertreter einer Meinung unter der Menge der Besucher einer spezifischen Seite am hartnäckigsten bereit sind, ihre Position per Mausklick stark zu machen.

Einer der häufigsten Kommentatorentypen in freier Natur: die Wildsau. (Foto: Pixabay)

Sinnvoller ist da schon, wenn man etwas zur spezifischen Webseite fragt: Seitenbesucher und Zielgruppe sind in diesem Falle deckungsgleich, auch wenn nur ein kleiner Teil antwortet. Und worüber die abstimmen, ist oft fraglich. Statt einem Text wird oft das Thema des Textes, oder ein besprochenes Produkt bewertet. Wer eine Seite hilfreich findet, gibt vielleicht seltener Feedback, als jemand, der frustriert noch nach Hilfe sucht und dann angibt, die Seite hätte ihm nicht geholfen.

Der Besucher spricht.

Wer gibt Kommentare ab? Immer nur ein kleiner Teil der Besucher. Damit man sich die Mühe macht, ein paar Sätze zu schreiben, muss ein starkes Interesse vorliegen. Besonders häufig sind dabei natürlich mehr oder weniger legitime Fälle von Eigenwerbung.

Bei Kommentaren, wie auch bei schriftlichem Feedback zu Webseiten spricht nur die Minderheit, und die meist nur, wenn sie klare Kritik und ein starkes Mitteilungsbedürfnis hat. Die Mehrheit schweigt, auch wenn sie eine Meinung hat.

Hinzu kommt, dass sich Kommentare und Diskussionen oder Postulationen fast vollständig in die sogenannten sozialen Netzwerke verlagert haben. Dort werden Beiträge lautstark verrissen, ohne dass die Verreißer sie notwendigerweise überhaupt gelesen haben. Der Begriff „Soziales Netzwerk” dürfte wohl einer der übelsten Euphemismen unserer Tage sein. Aber das ist ein anderes Thema.

Jedenfalls saugt insbesondere Facebook dermaßen viel Aufmerksamkeit aus dem Netz, dass es nicht sonderlich verwunderlich ist, wenn deine Kommentarspalten verwaisen. Facebook tut seinerseits einiges dafür.

Nun gibt es noch die aus den Nullern übrig gebliebenen Netzexperten, die von geringem Kommentarvolumen auf die Relevanz der Website schließen. Gut, das Problem wird sich rein biologisch irgendwann von selbst erledigen, momentan muss man sich aber noch argumentativ damit auseinandersetzen.

Ich frage dann gerne gezielt nach, wie denn konkret die sogenannte Relevanz zu beziffern sein soll? Wir haben hier in kurzer Zeit um die 30.000 Leserinnen und Leser auf einen einzelnen Beitrag. Würden jetzt in der gleichen Zeit 100 Kommentare zu diesem Beitrag abgegeben, dann würde sicher niemand von geringem Kommentarvolumen sprechen. Dennoch hätten sich lediglich 0,33 Prozent der Leserinnen und Leser geäußert.

Das ist das beliebte Märchen von der Relevanz. Die Wahrheit ist, dass Kommentare zu keiner Zeit jemals etwas über die Relevanz eines Web-Angebots, eines Online-Magazins oder einer sonstigen Digital-Veröffentlichung ausgesagt haben.

Wozu überhaupt fragen?

Dem Besucher Feedback-Möglichkeiten zu geben, hat einen großen Vorteil: Er beteiligt sich, und identifiziert sich damit stärker mit deinem Angebot. Er gestaltet mit. Das ist eine gute Sache.

Feedback á la Annotuck. (Foto: PIxabay)

Aber geht es um die Einstufung des Feedbacks, solltest du solches immer nur als Einzelstimme betrachten. Dabei ist gut begründete Kritik von Einzelpersonen immer wertvoll. Alles andere ist im Zweifelsfall ohnehin nur Rauschen.

Nimm es dir auf keinen Fall zu Herzen, wenn niemand bei dir kommentiert. Nimm es dir aber auch nicht zu Herzen, wenn jemand vernichtend bei dir kommentiert. Schau auf die Gesamtstatistik und setze die Kritik ins Verhältnis. Das macht harsche Worte nicht weicher, lässt dich aber spontaner an den Spruch von der Eiche denken, an der sich ein Wildschwein reibt.

Von Jan Bojaryn

Sprachwissenschaftler, freier Autor und Texter. Befasst sich seit fast 20 Jahren professionell mit Sprache, Webdesign, Usability und Kommunikation im Netz. Schreibt Artikel und Ratgebertexte zu verschiedenen Themen. Liebt guten Text, nutzerfreundliches Design und Currywurst.

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