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Moderne Architektur und Webdesign

Wir lieben die Vergangenheit. Wir gehen ins Museum, besichtigen Ruinen, bauen historisierend. Aber wir leben in modernen Zeiten. Auch, wenn die Postmoderne ausgerufen wurde, prägt die Moderne unser Denken, unsere Ästhetik und unser Stadtbild bis heute. Die Ideen und Debatten der Moderne zu kennen, hilft jedem Designer.

Wir lieben die Vergangenheit. Wir gehen ins Museum, besichtigen Ruinen, bauen historisierend. Aber wir leben in modernen Zeiten. Auch, wenn die Postmoderne ausgerufen wurde, prägt die Moderne unser Denken, unsere Ästhetik und unser Stadtbild bis heute. Die Ideen und Debatten der Moderne zu kennen, hilft jedem Designer.

Neues Denken

Die Architektur hatte sich zum Ende des 19. Jahrhunderts gründlich verrannt. Aus der Orientierung an der Vergangenheit hatte sich der historisierende Stil gebildet: Neue Fragen sollten mit alter Formensprache beantwortet werden. Die Geschichte wurde zum Eintopf, die zitierte Epoche zu einer beliebigen Entscheidung.

Anfang des 20. Jahrhunderts hatten immer mehr junge Architekten die Nase voll von der Imitation der Vergangenheit. Die moderne Gesellschaft brauchte eine Architektur, die auf die revolutionären Änderungen des Zusammenlebens einging. Die vielleicht wichtigste Schnittstelle, an der Protagonisten des Bauhaus ansetzten, war das Verhältnis von Form und Funktion. Mit strengem Rationalismus wurden funktionale Anforderungen an Architektur umgesetzt. Das Ornament, das gute Aussehen als Selbstzweck, wurde strikt abgelehnt.

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Bauhaus Dessau – Foto: Flickr – Ilpo’s Sojourn

In der Ästhetik von Bewegungen, die wir heute mit der Moderne assoziieren — nachschlagen kann man Bauhaus, De Stijl, Neue Sachlichkeit, Internationalen Stil — ist die Funktion zentral. Und der Funktionsbegriff wurde streng umrissen. Assoziationen mit Fabriken, der Technisierung und Industrialisierung der Gesellschaft führten zu unseligen Vergleichen wie etwa dem Haus als „Wohnmaschine“. Der Begriff war gar nicht negativ gemeint, für viele, die ihn hören, ist er es garantiert.

Neue Zweifel

Neue Ideen müssen sich durchsetzen. Nicht anders ging es der Bewegung moderner Architektur, die sich über mehrere Generationen erst etablieren, dann zum Mainstream aufschwingen und sich behaupten musste. Begriffe wie Bauhaus sind fast durchweg positiv besetzt. Aber ganz selbstverständlich halten viele Menschen moderne Architektur für schrecklich.

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MetLife Building – Foto: Flickr – caspermoller

Modernes Bauen hat immer Stilkritik provoziert. Die Hinwendung zu einfachen geometrischen Formen und die strikte Rationalität lässt sich sinnvoll begründen. Genau so kann man bemängeln, dass viele moderne Bauwerke (vor allem öffentliche Gebäude, Wolkenkratzer) steril wirken, sich menschlichen Bezugskriterien entziehen, und die „Wohnmaschine“ allzu wörtlich nehmen. Der Mensch wird vom Maß aller Dinge zum Funktionsglied.

Die Standardisierung und Armut der Formen führt ebenso zu einer gewissen Uniformität. Der internationale Stil wird unsichtbar. Wer in einer Metropole vom Flughafen zum Hotel fährt, so behaupten Kritiker, der weiß nicht, in welcher Stadt er sich befindet.

Wer schließlich die Funktion zum obersten Prinzip seiner Arbeit ernennt, der muss sich anhaltend mit der Frage auseinandersetzen, was Funktion ist. Wie sind die Funktionen hierarchisiert? Ist Wohlfühlen eine Funktion? Repräsentieren?

Nach der Moderne

An den hier skizzierten Fragen und Antworten arbeiten wir noch heute. Die Diskussionen um einheitlichen, nüchternen Stil, um den Stellenwert und die Bedeutung der Funktion, die Legitimation von schmückendem Ornament — all das kennt jeder Designer. Gerade, wer sich mit Webdesign befasst, ohne in die Richtung geforscht oder studiert zu haben, hat noch einiges nachzuholen. In den vielen Denkschulen der modernen Architektur verstecken sich Ideen, die auch im Web funktionieren.

Zum Anfassen

Damit nicht alles graue Theorie bleibt: zwei handfeste Beispiele für modernes Denken in Architektur und Design. Hier lässt sich erkennen, wie aus Konzepten fertige Produkte werden; hier beweisen die Theorien ihre Praxistauglichkeit.

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Haus SchminkeFoto: Julia Baatz

Ein gutes Gegenbeispiel zu der Annahme, modernes Bauen bestehe aus Schuhkartons, ist das Haus Schminke in Löbau. Architekt Hans Scharoun formte die Bewegung der organischen Architektur mit. Die Umgebung des Gebäudes und seine Wirkung auf die Menschen werden aufgewertet.

Mit dem Einfamilienhaus für die Industriellenfamilie Schminke, das deren Lebensbedingungen bis ins Detail berücksichtigte, schuf Scharoun ein Meisterwerk der Architektur. Wer vom Gartenteich aus auf die Fassade schaut, dem erscheint das Haus wie ein Schiff auf See. Der Familienvater, Fritz Schminke, liebte die Seefahrt. Die Betten waren so angeordnet, dass die Mutter mit dem Blick auf die aufgehende Sonne, der Vater mit dem Blick auf die Fabrik aufwachten. Über ein kleines Fenster konnten die Kinder vom Spielzimmer aus direkt in den Garten klettern.

Der Bauprozess war zeit- und kostenintensiv. Am Ende stand ein Haus, das erstaunlicher Weise nicht nur in den Jahren seiner urprünglichen Nutzung eine Familie glücklich machte, sondern das auch in anderen Zusammenhängen gut funktioniert. Dass strenge Ausrichtung auf Funktionalität und Metaphern, die Berücksichtigung ästhetischem Empfindens kein Widerspruch sind, ist hier beispielhaft demonstriert.

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Frankfurter Küche – Foto: Wikimedia – Christos Vittoratos

Wer sich mit Usability Tests und Eyetracking auskennt, dem ist womöglich auch die Frankfurter Küche ein Begriff. Architektin Margarete Schütte-Lihotzky nahm es mit der Rationalisierung genau und analysierte Bewegungs- und Arbeitsabläufe in der Küche. Die Frankfurter Küche entstand als ideales Arbeitsumfeld für eine Person und ist der logische Vorläufer der heutigen Einbauküche.

Die strenge Ausrichtung an genau ermittelten Arbeitsabläufen hat in der Praxis ein klassisches Problem des funktionalen Designs offenbart: Die Nutzer müssen sich auch daran halten. Damit die Frankfurter Küche gut funktionierte, mussten sich Familien gründlich umstellen. Die Küche war nicht mehr als Mittelpunkt sozialen Zusammenlebens konzipiert, Kochen sollte nur eine Person, Kinder hatten in dem schmalen Raum nichts verloren, kurz: Die elegant konzipierte Küche funktionierte bei vielen Familien einfach nicht.

Vorgedacht

Statt Küchen oder Häusern bauen wir Webseiten. Aber Entsprechungen zwischen den Disziplinen liegen auf der Hand. Unser Arbeitsumfeld ist dynamisch. Trends werden durch das globale Dorf gejagt und längst nicht alles, was im Webdesign gang und gäbe ist, muss auch so sein. Wer auf der Suche nach eigenständigen Positionen und kreativen Anregungen ist, der kommt an der Architektur des 20. Jahrhunderts nicht vorbei. ™

Von Jan Bojaryn

Sprachwissenschaftler, freier Autor und Texter. Befasst sich seit fast 20 Jahren professionell mit Sprache, Webdesign, Usability und Kommunikation im Netz. Schreibt Artikel und Ratgebertexte zu verschiedenen Themen. Liebt guten Text, nutzerfreundliches Design und Currywurst.

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