Nutzerzentriertes Webdesign (2): User effektiv mit einbeziehen

Die klassischen Usability-Testmethoden eignen sich mit Ausnahme der Expertise sehr gut, um den Nutzer in den Mittelpunkt des Gestaltungsprozesses zu stellen. Vor allem sind die daraus gewonnenen Erkenntnisse einfacher umzusetzen als bei innovativen Methoden wie Neuromarketing und VIQk, die wir im ersten Teil der Serie vorgestellt haben. Wer eher klassisch vorgehen möchte, für den stehen eine Handvoll Werkzeuge für die tiefere Zielgruppenanalyse zur Verfügung.

Zunächst muss entschieden werden, mit wie vielen Nutzern man es gleichzeitig aufnehmen will. Je nach Gruppenstärke scheiden bestimmte Formen wie etwa das Tiefen-Interview aus.

Tiefen-Interviews

Im Gegensatz zur klassischen Umfrage stellt das Tiefeninterview auch subtile Fragen zum jeweiligen Nutzungskontext. Der gute Interviewer erkennt vorschnelle oder vorgefertigte Antworten und hakt nach, in dem er zum Beispiel Alternativen präsentiert.

Fokus-Gruppen

Neben der individuellen Technik des Interviews, lassen sich die Bedürfnisse von Gruppen in gemeinschaftlichen Sessions ermitteln. Die Interaktion zwischen den Teilnehmern erzeugt spannende Impulse. Usability-Experte Andreas Selter warnt vor Problemen: „Es bilden sich typischerweise Alphatiere heraus, die die Stimmen der zurückhaltenden Gruppenmitglieder übertönen.“ Selter empfiehlt daher einen erfahrenen Moderator.

Personas

Eine Variante der Gruppenarbeit sind die Personas. Hier werden Archetypen gebildet und hinlänglich in ihrem Verhalten und in ihren Bedürfnissen beschrieben. Die Personas können direkt als Navigationseinheiten auf der Website gespielt werden oder man erzeugt einzelne, spezifische Websites für die verschiedenen Typen.


Persona-Profile sind sehr detailliert, werden mit Bildern ausgestattet und zeigen häufig eine Art „Lebensmotto“.

Einen Schritt weiter, vielleicht zu weit, ging eine US-Unternehmen namens Meedseek Medical. Man erfand kurzerhand den virtuellen Charakter Sara Baker und spendierte der hübschen jungen Dame ein Facebookprofl. Dort soll sie den Archetypen des durchschnittlichen Patienten verkörpern, und vor allem die Vorzüge digitaler Services preisen, etwa Online-Konsultationen oder die digitale Patientenakte. Das ist im Grunde nichts anderes, als ein werbliches FAQ-System, aber unter US-Werbern tobt derzeit die Diskussion um die Lauterkeit eines solchen Ansatzes.


Irreführend: Im eigenen Profil ist Sara als erdachter Charakter erkennbar, im News-Feed auf Fremdseiten nicht mehr.

Egal wie: Personas sind eine traditionelle Marketingtechnik, die auch in klassischen Industrien immer wieder eingesetzt wird. Das Marketing von Chrysler ging so weit, die Büros der Ingenieure und Produktmanager so einzurichten, wie die vermutete Zielgruppe es tun würde. Den Mitarbeitern sollte geholfen werden, sich in die Zielgruppe einzufühlen.

Tipp: In Workshops veranstalten Trainer gerne Rollenspiele. Das können Sie auch selbst mit Freunden, Bekannten oder Mitarbeitern. Erzeugen Sie ein realistisches Setup („Ich will ein günstiges Smartphone kaufen“), skizzieren Sie die Zielperson („technisch unsicher“, „Hat Angst vor Fehlkauf“) und veranstalten Sie einen Dialog zwischen Kunde und Website/Verkäufer. Sie werden sehen: Nach ersten Anlaufschwierigkeiten finden sich die Mitarbeiter in die Rollen und das Ganze macht auch noch Spaß.

Market Oportunity Scoring

Für beide der vorgenannten Ansätze eignet sich dieses Instrument. Alle gesammelten Verbesserungsvorschläge werden zum Schluss allen Teilnehmern vorgelegt und diese erzeugen dann eine Rangliste. Das ermöglicht es Nutzern, auch die Vorschläge der anderen zu bewerten, auf die man selbst vielleicht gar nicht gekommen wäre.

Die Techniken

Bis auf die Expertise stellen alle Usability-Techniken den Nutzer in den Mittelpunkt. Das kann schon in einem sehr frühen Stadium mit Papierprototypen beginnen. Hier wird analysiert, welches Element wo auf einer Website angeordnet werden soll. Ein sehr Ergebnis-offener Ansatz hierfür wäre, die Elemente wie Logo oder Warenkorb als Papierschnippsel zu stilisieren und dem Nutzer die Möglichkeit zu geben, die Elemente frei zusammenzufügen. Das geht bis zum so genannten Collaborative Design, wo die Nutzer selbst die Gestaltung von Website oder Newsletter bestimmen.

Zur Ideensammlung bildet sich das Metaplan-Verfahren an, auch bekannt als Card-Sorting. Jeder Nutzer darf Vorschläge auf Zettel schreiben und an eine Pinwand heften. Die Vorschläge werden nach Ähnlichkeiten gruppiert, um Dubletten bereinigt und schließlich bewertet. Auch hier ist es wichtig, allen Teilnehmern die gleiche Stimme zu geben.

Klassische Usabilitytests mit acht bis 12 Probanden runden das System ab. Die dabei erzeugten Videos eignen sich einerseits im Vorfeld, um Probleme des alten Designs nachzuweisen aber auch im Nachgang, um ein erzeugtes Design zu evaluieren.

Techniken ohne direkten Kontakt zu den Testpersonen, wie zum Beispiel Online-Befragungen, eignen sich nur bedingt, da die Interview-Tiefe fehlt. Sie eignen sich jedoch hervorragend, um fertige Websites auf Usability-Fehler zu untersuchen.

Selter überarbeitete letztes Jahr die Seiten der SOS-Kinderdörfer und fand in Interviews und Usability-Tests heraus, dass es eine Zielgruppe gibt, die gar keine Informationen wünscht, sondern einfach nur schnell und möglichst anonym spenden will. Der Umbau der Website zugunsten dieser Zielgruppe brachte elf Prozent mehr Spenden.


Persona-basierte Navigation und fröhliche statt leidender Kinder verhalfen SOS-Kinderdörfern zu 11 Prozent mehr Spenden.

Weiterführende Informationen
(mm),

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Kategorisiert in Webdesign

Von Frank Puscher

Autor der Fachbücher "Leitfaden Web-Usability", "Flash MX-Das Kochbuch" und "Die Tricks der Internet Künstler". Frank Puscher ist nicht nur ein angesehener Autor, der für zahlreiche Fachzeitschriften tätig ist, er ist auch als Schulungsleiter und Berater erfolgreich.

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