Räder kaufen bei Facebook – kein gutes Beispiel für User Experience von Onlineshops

Fahrrad.de veröffentlichte vor wenigen Tagen einen der ersten, vollintegrierten Onlineshops auf Facebook im europäischen Raum. Das Anwender-Erlebnis darf mit Fug und Recht als „durchwachsen“ bezeichnet werden – an den außerhalb von Facebook laufenden Original-Shop reicht es nicht heran. Einer kritischen Analyse auf Basis relevanter Gesichtspunkte der User Experience hielt der neue Onlineshop auf Facebook nur bedingt stand.


Fahrrad.de – das Original

Mildernde Umstände für Neulinge

Auf der Kritikskala des Website-Testers genießen Neuheiten einen kleinen Bonus. Weil sie neu sind, dürfen sie experimentieren und ausprobieren und weil das Umfeld und die Entstehungsbedingungen oft ebenfalls neu sind, können die Betreiber der neuen Website nicht für jedes Problem verantwortlich gemacht werden.

Das würde soweit auch für den Facebook-Store von Fahrrad.de gelten, wäre da nicht ein Browsertab entfernt der echte, etablierte und erfolgreiche Fahrard.de-Radlladen. Insofern ist die Facebook-Implementierung eine Weiterentwicklung, aber keineswegs eine Neuheit. Somit wird ein kleiner Teil des Novizen-Bonus gleich wieder einkassiert.

Social Sharing gegen Cash

Ein gelungener Ansatz ist der Einstieg über den „Like“-Button. Der verhilft dem Shop zu Werbung und dem entsprechenden Shopper zu einem 10-Prozent-Rabatt. SocialSharing gegen Cash … und das ist erst der Anfang. Doch der zweite Blick – auf die Grafik unter der vertrauten Facebook-Navigation – sorgt gleich für Unwohlsein.


Der Facebook-Ableger ist einfach hässlich – vom Farbschema bis zur Typografie.

Startet man den Fahrrad.de-Store auf Facebook, fällt zunächst die rüde komprimierte Aufmachergrafik auf. Kleiner Tip an die WebDesigner: Vielleicht wäre für die textlastige Grafik ein GIF oder PNG besser geeignet, als ein JPG. Gänzlich unverständlich ist das im Shop selbst, denn der ist in Flash realisiert und könnte auf Vektorbasis wunderbar mit Verläufen und Buchstaben umgehen, tut es aber nicht. Kinderkrankheit (oder Nachlässigkeit, das Original macht ja schließlich vor, dass es auch anders geht – Anmerkung der Redaktion).

Grundlegende Usability-Fehler

Der Shop selbst ist einfach und klar strukturiert. Kein Design-Highlight, muss aber auch nicht. Für einiges Amüsement beim Tester sorgt die mit 96 Artikeln bestückte Rubrik „Ausverkauft“. Wohlgemerkt mit „t“ am Ende. Problemlos gelingt es dem Nutzer, ausverkaufte Artikel in seinen Warenkorb zu schaufeln und die schlagen sich auch bei der avisierten Rechnung nieder, obwohl sie per Definition nicht lieferbar sind.


Macht das Unmögliche möglich: Fahrrad.de verkauft auch ausverkaufte Räder.

Schlechte Suche, mangelnde Handlungsaufrufe

Die Suche ist schön prominent im Kopf der Seite platziert, arbeitet aber leider nicht fehlertolerant. Der Suchbegriff „mountain bike“ findet kein einziges Rad, sondern nur Zubehör. Hangelt man sich über die Rubriken zu den Artikeln, dann erscheint neben den Preisen ein deutlich sichtbares „i“ als Link zu mehr Informationen, sprich zur Produktdetailseite. Auf dieser wiederum residieren rechts unten ein Icon mit einem Pfeil nach links für „zurück“ und darunter ein Einkaufswagen mit einem Plussymbol, der das Hinzufügen zum Warenkorb signalisieren soll. Beide Icons sind in Blassblau ausgeführt und nicht wirklich das, was man eine prominente Call to action nennen würde.


Schlechte Usability: Der Hinweis, wie der Kauf abgeschlossen werden kann, ist viel zu unscheinbar.

Wider erwarten ist das Produktfoto klickbar und gibt den Blick auf eine vergrößerte Version frei. Wider erwarten deshalb, weil weder eine Beschriftung darauf hinweist, noch der Cursor zur Hand wird, sobald er das Bild berührt und somit die Klickbarkeit signalisiert (das scheint eine Chrome-Macke zu sein; in Safari/Mac wird der Link angezeigt – Anmerkung der Redaktion). Ein klassischer Usability-Verstoß und in Flash leicht zu beheben.

Dass Produktfotos vergrößert werden können, wird nicht in allen Browsern deutlich.

Nach dem Hinzufügen zum Warenkorb, fehlt der Link zum Checkout. Nach kurzem Rätselraten entpuppte sich der winzige in den Warenkorb integrierte  Pfeil als Hinweis auf „Hier geht’s zur Kasse“. Da sind Kaufabbrüche programmiert (siehe drittes Foto von oben).

Im Checkout selbst erscheint dann im Kopf der Seite eine Fünf-Punkte-Aufgabenliste. Hier signalisiert der Cursor Klickbarkeit, aber man kann es trotzdem nicht. Ein einfacher Pfeil nach rechts symbolisiert das weitere Vorgehen.

Nun geht es an das Eingeben persönlicher Daten. Leider gibt es keinerlei Hinweis auf ein Verschlüsselungssystem oder auf die vertrauliche Behandlung der Daten. Macht nichts, Mark Zuckerberg weiß eh schon alles.

Keine Routine für Fehleingaben

Gibt man Daten falsch oder gar nicht ein, dann macht der Onlineshop einfach nix. Nicht mal einen Hinweis auf die fehlende Eingabe erklärt dem Nutzer das Problem. Bezahlverfahren gibt es folglich auch keines. Das macht man per Überweisung oder beim Abholen der Artikel im Laden in Stuttgart.

Fazit – es funktioniert, das war’s

Der Fahradladen in Facebook funktioniert, mehr aber auch nicht. Mal sehen, wie die Facebook-Gemeinde auf das Angebot reagiert. Die kleinen Usability-Fehler sind recht leicht zu beheben, doch mangels Bezahlverfahren entsteht schon ein erheblicher Medienbruch. Lustigerweise verzichtet der Shop komplett auf soziale Features. Es gibt keine Bewertungen, keine „Share“-Funktion, keine Möglichkeit zum Kommentieren. Mit Social Commerce hat die bloße Präsenz auf Facebook noch nicht allzu viel zu tun. Allerdings hat Internetstores-Chef Köhler angekündigt, dass es für die Facebook-Gemeinde spezielle Deals geben wird. Man darf gespannt sein.

(mm),

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Kategorisiert in Webdesign

Von Frank Puscher

Autor der Fachbücher "Leitfaden Web-Usability", "Flash MX-Das Kochbuch" und "Die Tricks der Internet Künstler". Frank Puscher ist nicht nur ein angesehener Autor, der für zahlreiche Fachzeitschriften tätig ist, er ist auch als Schulungsleiter und Berater erfolgreich.

3 Kommentare

  1. Das Projekt Facebook-Shop scheint wohl schon wieder begraben worden zu sein.
    Auf der Facebook Seite geht jedenfalls immer direkt in den regulären Onlineshop.
    Ob das nochmal ausgegraben wird?

  2. Update 2: Fahrrad.de reagiert ziemlich entspannt auf die Kritik und hat den Checkout-Knopf überarbeitet. Jetzt zeigt ein deutlich sichtbarer Hinweiskasten, dass es über den Warenkorb-Knopf zum Checkout geht. Gut so.

    – FP –

  3. Ergänzung vom 14.9.2010
    Die InternetStores AG bat mich richtig zu stellen, dass sie natürlich keine Daten an Facebook weitergibt. Tatsächlich bedeutet allerdings zum Beispiel der Einstieg über den Like-Button – der auch nach Abschluss des Kaufprozesses wieder ins Spiel kommt – dass der Nutzer Facebook mitteilt, dass ihm der Fahrrad.de-Store oder ggf. ein einzelnes Produkt gefällt. Die Verbindung zum Profil existiert also per se.

    Allerdings sei noch einmal deutlich darauf hingewiesen, dass das kein Fehler von Fahrrad.de ist, sondern System-immanent. Der fehlende Datenschutzhinweis an dieser Stelle ist allerdings zumindest ungeschickt. Der Verweis auf die AGB und Datenschutzerklärung ist mir nicht stark genug.

    Originalzitat Hendrik Maat, Shopshare.com:
    „Betreffend der Sicherheit der Daten möchte wir Sie darauf hinweisen das Sie hier völlig falsch liegen. Der Shop läuft auf unserem (ShopShare) eigenen Servern und es existiert KEINE Verbindung mit Facebook.“

    Hhhmm, Mist, da habe ich die Funktion des Like-Buttons doch falsch verstanden. Aber wenn ich darauf drücke, wieso erscheint das dann in meiner Facebookseite. Hat die auch „KEINE Verbindung“ mit Facebook?

    Hendrik Maat bat mich eindringlich einen Testkauf durchzuführen, um einen Fehler in meinem Artikel korrigieren zu können. Nun, das habe ich soeben getan und siehe da, ich habe den Fehler gefunden. Ich hätte nämlich noch erwähnen sollen, dass die Versand- und Abholmöglichkeiten in doppelt verschachtelten iFrames angelegt sind.

    Ich hätte auch erwähnen sollen, dass das Bestellformular auf Fehler in der Eingabe mit einem winzigen roten Sternchen reagiert. Das könnte man wesentlich hilfreicher und deutlicher anlegen.

    Hendrik Maat ging es aber eher darum, am Ende des Kaufprozesses den unvermeidlichen Like-Button wieder zu sehen. Ich hatte geschrieben: „Es gibt keine Bewertungen, keine „Share“-Funktion, keine Möglichkeit zum Kommentieren.“

    Stimmt, man kann zum Schluss sagen, dass einem, der Fahrradladen gefällt, aber das hatten wir ja eingangs schon, sonst gibt´s ja keine 10 Prozent.

    Übrigens, wer den Laden jetzt aufruft, findet leider keine ausverkauften Artikel mehr. Und wer ihn nächste Woche aufruft findet vielleicht PayPal-Zahlung. Stay tuned.

    – FP –

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