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Design UI/UX

Usability-Desaster: Windows 8 ist eine einzige Enttäuschung

Jakob Nielsen wird nicht von jedermann gemocht, gehört jedoch unbestreitbar zu den größten Experten für nutzerfreundliches Design, die wir haben. Sein Werk „Designing Web Usability“ habe ich 1998 am Stück durchgelesen. In der Folgezeit kamen auch immer mal Einwürfe aus Richtung Nielsen, denen ich nicht stets so folgen konnte, aber im Großen und Ganzen macht man keinen Fehler, wenn man Nielsens Urteil zumindest Gehör schenkt. Ganz aktuell beschäftigte sich der Design-Experte mit Windows 8 und kam zu ganz klaren Aussagen.

Windows 8 ist weder für Neulinge, noch für Power-User brauchbar

Die Skepsis ist naheliegend. Auch ich kann mich nicht davon frei sprechen. Als Windows-Nutzer der ersten Stunde erscheint die völlige Abkehr von der bisherigen GUI wenig nachvollziehbar. Sicher, die Tablet-Variante des Redmonder Betriebssystems benötigt eine touch-freundliche Oberfläche, aber ich an meinem herkömmlichen PC doch nicht. Ist alles halb so wild, heißt es, der Desktop ist ja auch noch da. Dann wechselst du halt zwischen Modern UI und Desktop munter hin und her.

Auch Nielsen hielt diese doppelte Herangehensweise wohl spontan nicht für eine so gute Idee und machte daher die Probe aufs Exempel. 12 erfahrene PC-Nutzer lud der Experte in sein Usability-Labor ein. Diese sollten nun mit einigen gängigen Aufgaben konfrontiert werden. Dabei mussten sie sowohl ein Surface RT Tablet, wie auch einen konventionellen PC bedienen.

Das Fazit fällt vernichtend aus: So ist es den Testpersonen vielfach nicht gelungen, die gestellten Aufgaben zu lösen. Und dabei handelte es sich, man führe sich das noch einmal vor Augen, um versierte Anwender älterer Windows-Versionen. Nielsen identifizierte folgende Schwächen als maßgeblich für die schlechte Usability.

Desktop oder Start-Screen? Wenn man sich zwei Konzepte merken muss..

Es ist grundsätzlich schlecht, zwei grundlegend unterschiedliche Desktop-Umgebungen auf einem einzigen Gerät zu haben. Wohin muss ich gehen, um was zu erledigen? Ich muss einräumen, dass ich mich mit der Kritik voll identifizieren kann. Ich kämpfe seit etwas über einer Woche mit einem neuen Ultrabook mit Windows 8 und musste mir doch tatsächlich ein Buch kaufen, um einigermaßen produktiv mit Windows 8 in die Gänge zu kommen. Sicherlich, ich hätte auch rumprobieren können, aber, ich weiß ja nicht, wie sich Microsoft seine Nutzerschaft vorstellt, doch ich muss arbeiten. Ich habe keine Zeit, nach Funktionen zu suchen, von denen ich bislang im Schlaf wusste, wo sie zu finden sind. Auch Nielsens Testpersonen hatten massive Probleme mit dem Wechseln zwischen den Welten.

Als total ungünstig identifizierte Nielsen die Tatsache, dass Browser sowohl in der Modern UI, wie auch auf dem Desktop gestartet werden können. Auch das ist mir schon passiert. Der Haken an der Sache ist, dass jeder Browser als eigene Instanz mit seinem eigenen Set an Browser-Tabs läuft. Mir ist bislang nicht klar geworden, wie ich es überhaupt geschafft habe, zwei Browserinstanzen zu starten.

Natürlich komme ich mit der Desktop-Umgebung im Verhältnis besser klar. Denn hier hat sich die Bedienung zwar in der Tiefe, aber nicht an der Oberfläche geändert. Die Modern UI hingegen lässt mich regelmäßig fast verzweifeln. Eine inkonsistente Nutzerfahrung konstatiert entsprechend auch Nielsen.

Wo sind denn die Windows hin?

Nielsen schlägt vor, Windows 8 umzubenennen. Window 8 wäre ein sehr viel besserer Name. Denn in der Modern UI gibt es stets nur ein einziges Fenster, das den kompletten Bildschirm ausfüllt. Das ist sicherlich für Tablet-Nutzer auf dem Surface eine sinnvolle Herangehensweise. Wenn ich jedoch neben Word, Excel, Photoshop und Yammer noch einen Skype-Chat offen halten will, dann kann ich die Modern UI dafür nicht gebrauchen. Überhaupt erschließt sich mir der Vorteil nicht, den es haben könnte, wenn ich eine App, die bislang ein schmaler Streifen an der rechten Ecke meines zweiten Bildschirms war, vollflächig auf 1080p vor die Nase gesetzt bekomme.

Auch Nielsen und seine Tester konnten sich mit den Einschränkungen der Modern UI in dieser Frage nicht anfreunden. Die Desktop-Umgebung wurde bislang glücklicherweise nicht abgeschafft. Denn wäre das der Fall, würde Windows, so wie ich es bisher verwende, vollkommen unbenutzbar. Für Einsteiger dürfte es indes nicht so prima sein, wenn sie willentlich entscheiden müssen, welche Skype-App sie denn nun installieren wollen. Die aus dem Store für Modern UI oder die von der Website für den Desktop? Gleiches gilt für andere Anwendungen.

Flache Bedienelemente und eine niedrige Informationsdichte

Windows 8 verfügt über eine komplett flache Bedienoptik. Alle Icons sind platt, es wird nicht mit Dimensionalität gespielt wie man das ansonsten kennt. Ob ein Element klickbar ist oder nicht, wird optisch durch nichts signalisiert. Der folgende Screenshot präsentiert ein schönes Beispiel:

Gut, dass man die Icons vermutlich klicken kann, hätte ich mir schon noch gedacht. Aber, dass „Change PC Settings“ ebenfalls ein Bedienelement ist, darauf wäre ich ohne weiteres nicht gekommen. Es wirkt eher wie eine Art Label für die Icon-Gruppe. Auf dem Surface führte die Bezeichnung bei Nielsens Testern übrigens zu weiteren Problemen. Die identifizierten das Surface nämlich gar nicht erst als PC.

Übernommen von Windows Phone ist die Modern UI typografisch ein interessantes Projekt. Große Kacheln, große Schriften. Alles wirkt übersichtlich. Das geht allerdings zu Lasten der Informationsdichte. Sprich, auf dem Bildschirm ist kaum noch was zu sehen. Scrollen wird zur Haupttätigkeit moderner Windows-User. Nielsen hat einen Screenshot parat:


Schwache Informationsdichte, scrollen ist vorprogrammiert


Die Website zeigt eine Informationsdichte, mit der man arbeiten kann

Man erkennt, dass, verglichen mit der Website der LA Times deutlich weniger Inhalte auf einen Blick erfasst werden können. Im Ergebnis muss man entsprechend für den Konsum der gleichen Menge an Nachrichten bei Nutzung der Modern UI mehr Zeit einplanen. Aber, soll einen ein Computer nicht produktiver machen?

In die gleiche Kerbe schlägt das Design der neuen sogenannten Live Tiles. Auch hier wird ein im Ansatz ganz nützliches Konzept durch die konkrete Ausführung ad absurdum geführt. Ich versuche bereits, vollständig auf diese Tiles zu verzichten. Denn sie bieten durch ihre gleichartige Art der Darstellung keine schnellen Differenzierungsmöglichkeiten. Mit anderen Worten: Ich muss viel zuviel lesen, um zu erkennen, welcher Tile jetzt der gesuchte ist.

Windows Charms Bar: Suchen, statt finden

Wie man die Windows-Charms-Bar öffnet, habe ich bereits heraus gefunden. Windows-Taste + C öffnet die neue kontext-sensitive Hilfeleiste, die je nachdem, wo man sie aufruft, ganz unterschiedliche Features bereit hält.

Nielsen ist der Auffassung, dass eine versteckte Funktion schon ganz grundsätzlich eine schlechte Funktion ist. Im Falle der Charms-Bar kann aber, jedenfalls nach meiner Erfahrung, nicht von Unzumutbarkeit die Rede sein. Weniger schön ist, dass die Kontextbezogenheit nicht so weit geht, dass Features, die im Kontext nicht verfügbar sind, gar nicht erst angezeigt werden. Klassiker und auch von Nielsens Testern bemängelt: die Suchfunktion. Diese steht auch in Anwendungen zur Verfügung, die keinen Gebrauch davon machen. Die Benutzung führt zu einer Fehlermeldung. Grober Unfug.

Gesten mit hohem Verwechslungspotenzial

Es passiert mir alle Nase lang. Ich führe eine Geste aus, von der ich einen bestimmten Effekt erwarte und es passiert etwas ganz anderes. Am häufigsten springe ich per unbeabsichtigter Geste zwischen Modern UI und Desktopn hin und her. Irgendwann, wenn ich mal das Win8-Buch gelesen habe, werde ich genauer herausfinden, was ich da falsch mache.

Neben eigenen Fehlern sind Gesten in Windows nach Nielsens Meinung bereits viel zu fehleranfällig angelegt. Probates Beispiel ist das Swipen von rechts nach links, das im Grunde horizontales Scrollen initiieren soll. Befindet sich der Finger oder die Maus jedoch zu weit im rechten Bereich des Screens führt der gleiche Swipe zum Öffnen der Charms-Bar.

Schlussendlich gelangt Nielsen zu dem Ergebnis, dass Windows 8 auf Tablets noch eine Chance hat, wenn die angesprochenen Designmängel behoben werden. Auf PCs sieht er Windows 8 jedoch nachhaltig als das falsche Produkt und empfiehlt, bei Windows 7 zu bleiben und auf Windows 9 zu hoffen…

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