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Verschiedene Welten: Frauen, Männer und Design

Das Web ist nicht mehr einfach ein Ort, dessen Optik von Geschlechterklischees dominiert wird. Längst hat Design viele Gesichter und kann ebenso feminin wie maskulin wirken. Aber die Frage bleibt wichtig, wie gehen Webseiten mit der Frage nach Mann oder Frau…

Das Web ist nicht mehr einfach ein Ort, dessen Optik von Geschlechterklischees dominiert wird. Längst hat Design viele Gesichter und kann ebenso feminin wie maskulin wirken. Aber die Frage bleibt wichtig,  wie gehen Webseiten mit der Frage nach Mann oder Frau um?

Erläuterungen, was männlich und was weiblich im Webdesign ist, gibt es genug. Auffallend dabei ist immer wieder der Hang zur Generalisierung. Wer wirklich glaubt, Männer würden pauschal eckig, Frauen dagegen rund denken, der muss sich auf Überraschungen gefasst machen. Während der Recherche für diesen Artikel musste ich oft feststellen, dass ich als Web-User offenbar eine Frau bin – viele befreundete Frauen dagegen Männer. Sind pauschale Aussagen über männlich und weiblich deswegen abzulehnen?

Wenn dem so wäre, dann hätte der Komiker Mario Barth nicht so viel Erfolg. Gerade, weil wir uns heutzutage des sozial auferlegten Geschlechts bewusst sind, weil wir mitbestimmen können, in welchem Bereich wir uns typisch männlich oder weiblich verhalten, haben Rückversicherungen Konjunktur. Ein großer Teil des Publikums hört immer noch gern, dass Männer und Frauen auf verschiedenen Welten leben.

Für Designer heißt dass, dass sie natürlich auch auf Geschlechtszugehörigkeit des Publikums achten müssen, daraus aber keine voreiligen Schlüsse ziehen sollten. Design, das Klischees bedient, findet bei einer großen Gruppe vielleicht mehr Zustimmung. Eine kleinere Gruppe fühlt sich dagegen abgestoßen. In der Praxis ist deswegen ein Balance-Akt gefragt. Eine gute Webseite spricht vor allem ihre Zielgruppe an. Je größer die ist, desto mehr sollte man es allen recht machen und desto weniger Spielraum bleibt für polarisierende Design-Entscheidungen.

Wie soll das funktionieren? Und wie gehen verschiedene Webseiten mit der Problematik um? Ein paar Beispiele.

Frauenzeitschriften

Brigitte

Auffallend trocken: Bei Brigitte.de geht die Funktion eindeutig vor Konzessionen an eine vermeintlich weibliche Seite. Das Farbschema mit Rot, Orange und Pastelltönen lässt die Gewichtung ahnen.

Freundin

Das Design der Freundin wirkt insgesamt verspielter: Die Farben sind hell und warm, Ecken werden abgerundet. Einige Elemente verschwinden fast vor fehlendem Kontrast, viele Inhalte bleiben unter dem Fold versteckt, einzelne Felder bekommen dafür viel Raum. Das Design soll offenbar einladend, einfach und übersichtlich wirken.

Herrenzeitschriften

Men's Health

Auf den ersten Blick sind nur die Inhalte bei Men‘s Health geschlechtsspezifisch. Das Design wirkt funktional, die starken Farbtöne für die Rubriken setzen Akzente. Insgesamt ist das Farbschema mit den Grundtönen weiß und beige eher nüchtern – das war es aber auch bei Brigitte.

GQ

So stellt man sich die Startseite eines Herrenmagazins vor: Klare Formen, Ecken und Kanten, dazu eine Farbgebung, die spröder nicht sein könnte. Die Seite weicht stark vom nüchternen Standard-Schema ab und transportiert so ein starkes Image.

Soweit Webseiten, die ein klar definiertes Publikum besitzen. Aber was ist mit weniger klaren Zielgruppen?

Shopping

Otto

Thematisch liegt der Akzent bei Otto klar erkennbar auf Frauen: Alle Models sind weiblich, Modetrends werden mit High Heels beworben. Vor allem in der Navigation tauchen starke Farben auf, ansprechend große Flächen für Angebote und Aktionen dominieren das Design. Die Schrifttypen sind alle serifenlos und rund.

Baur

Auch bei Baur verrät vor allem das Angebot, welches Geschlecht angesprochen wird. Alle Portraits auf der Startseite sind von Frauen, die einzige Mode, die explizit präsentiert wird, sind Pumps. Abstrakt verrät das Design aber keine Vorlieben. Sehr seriös wirkt das Layout und die Farbgebung. Die Rubrikenfarben werden erst durch Mausberührung sichtbar. Ein bisschen Pastellrot taucht rechts auf.

Autos

Autobild

Auch optisch würde die Titelseite der Autobild eher als männlich durchgehen. Sehr nüchtern und farblos würde das Design wirken — wenn da nicht zwei Frauen im Minirock wären, die sehr deutlich ein männliches Publikum ansprechen sollen.

Auto Motor und Sport

Mehr als ein bisschen ähnelt der Auftritt von Auto Motor und Sport dem der Autobild. Das Farbschema ist im Prinzip dasselbe, das Ergebnis auch hier auf den ersten Blick nüchtern und seriös.

Und was lernen wir daraus?
Tatsächlich scheint zu stimmen, was schon 2005 in einer internationalen Studie der University of Glamorgan behauptet wurde: Männer bevorzugen gerade Linien ohne Abrundungen, wollen wenige Farben und förmliche, vor allem gut lesbare Schrifttypen. Der Umkehrschluss scheint bei weiblichem Design zuzutreffen: Hier sind runde Formen besser als eckige, Verzierungen und ornamentale Elemente im Design eindeutig erwünscht. Dünne, serifenlose Schriften werden bevorzugt. Frischere oder auch Pastellfarben sowie etwas mehr Farbtöne insgesamt machen den typischen Look „weiblichen“ Designs aus. Das sind natürlich alles nur grobe Trends. Aber in den Beispielen sind sie zumindest als Tendenz wiederzufinden.

Dass Frauen auch anders designen als Männer, zeigt als Beispiel sehr anschaulich die Webseite des Studios My Graphic Garden. Organisch wirkende, verspielte Designs mit überwiegend hellen Fartbtönen findet man im Portfolio des Studios.

Bei den untersuchten Auto- und Shoppingseiten kann man geschlechtsspezifisches Design noch deutlicher erkennen, als bei Herren- und Damenmagazinen. Da sehen vor allem Freundin und GQ erwartungskonform aus, während sich Men‘s Health und Brigitte optisch zurückhalten. Frauen- und Männermagazine können sich das klischeehaft weiblich und männlich wirkende Design durchaus leisten, hier ist die Zielgruppe klar umrissen. Ob Autoseiten aber mit halbnackten Frauen nicht einen Teil der Kundschaft abschrecken? Ob Shoppingseiten nicht wenigstens untergeordnet auch Männer auf der Startseite unterbringen sollten?

Design signalisiert schnell und unterbewusst, für wen es gedacht ist – das gilt für alle visuellen Elemente. Da wird die Frage wichtig, wer sich vielleicht ausgeschlossen fühlt. ™

Erstveröffentlichung 25.08.2008

Von Jan Bojaryn

Sprachwissenschaftler, freier Autor und Texter. Befasst sich seit fast 20 Jahren professionell mit Sprache, Webdesign, Usability und Kommunikation im Netz. Schreibt Artikel und Ratgebertexte zu verschiedenen Themen. Liebt guten Text, nutzerfreundliches Design und Currywurst.

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