Kategorien
Webdesign

Von Games lernen?

Alle Wege führen über das Interface. Standards müssen das Maß aller Dinge sein, damit eine Webseite funktioniert. Aber manchmal gibt es gute Gründe, die ausgetretenen Wege zu verlassen. Mia Northrop hat dazu vor ein paar Wochen den sehr guten Artikel Your New Excuse to Get an Xbox geschrieben; eine Anregung, wie Webdesigner von Videospielen lernen können. Ich habe schon eine Xbox und ein paar Anmerkungen.

Alle Wege führen über das Interface. Standards müssen das Maß aller Dinge sein, damit eine Webseite funktioniert. Aber manchmal gibt es gute Gründe, die ausgetretenen Wege zu verlassen. Mia Northrop hat dazu vor ein paar Wochen den sehr guten Artikel Your New Excuse to Get an Xbox geschrieben; eine Anregung, wie Webdesigner von Videospielen lernen können. Ich habe schon eine Xbox und ein paar Anmerkungen.

Northrop gibt eine interessante und sehr konkrete Liste, wie Webdesigner von Games lernen können. Ich stimme fast immer zu. Aber ein paar Einschränkungen scheinen mir wichtig.

1. Besucher herausfordern
Viele Games fordern den Spieler heraus. Wird die Zielgruppe gern herausgefordert, kann das Interface ruhig ungewöhnlicher sein und
neue Möglichkeiten bieten. Aber viele Spiele verwechseln schlecht designte Steuerung und echte Herausforderung. Jede neue
Komplexität braucht am Ende einen Effizienzgewinn. Was schwieriger zu bedienen ist, muss im Gegenzug spezifische Vorteile bieten.

3. Konfiguration durch User
Viele Spieler freuen sich, wenn sie Avatare oder Musikauswahl mitgestalten können. Aber wehe, wenn man gezwungen ist, sich alles
selbst zu basteln. Und wehe, wenn das Interface unnötig kompliziert ist. Wenn man die Tiefe der Augenhöhlen, den Abstand der Augen und den Winkel der Augenbrauen selbst einstellen kann, kommt oft eines heraus: Hässliche Figuren.

Selber einstellen sollte immer optional bleiben. Die Grundauswahl muss bereits gut aussehen. Bei aller Komplexität muss jede
Einstellmöglichkeit leicht zu bedienen sein und vorhersagbare Resultate bringen.

4. Erzählungen
Das Beispiel von Northrop spricht für sich. Würden Sie gern die Geschichte einer Firma als Chatskript lesen? Ich nicht. Der
Beispieltext ist uneffektiv, nicht witzig und wiederholt nur Werbebotschaften.

Stories müssen vor allem eines sein: gut. Gerade auch Games bilden sich oft völlig unnötig ein, sie müssten einen
miesen B-Movie-Plot entfalten, damit die Spieler dranbleiben. Dann lieber gar nichts. Der Spieledesigner John Carmack hat es auf den Punkt
gebracht: Storys in Spielen besitzen oft dieselbe Funktion wie in Pornos. Wenn Sie eine spannende Geschichte zu erzählen haben –
gern. Aber von Spielen gibt es da leider noch nicht viel zu lernen.

5. Transitions, Animationen
Wenn es funktioniert, sind schön gestaltete Übergänge und Animationen sinnvoll. Meistens funktionieren sie nicht besonders gut. Schöne Interfaces kann man auch ohne Flash designen. Und gerade bei den Kernelementen einer Webseite muss man sehr genau überlegen, ob man sich das innovativ gestaltete Interface wirklich leisten will. Erstens muss das PlugIn in der Zielgruppe weit verbreitet sein. Zweitens sind unwichtige Effekte mit langen Ladezeiten selten eine gute Idee.

6. Ladebildschirme nutzen
Einen großen Trend übersieht Northrop, wenn sie von der Gestaltung von Ladebildschirmen spricht: Den Verzicht darauf. Das
ideale Spiel versteckt jeden Ladevorgang, streamt neue Daten im Hintergrund in den Speicher, bevor der Spieler sie benötigt.

Ist ein Ladebildschirm nicht zu vermeiden, muss der gut gestaltet sein. Das stimmt. Aber wenn, dann richtig. Viele Games bringen immer
dieselben zehn Tipps in Ladebildschirmen unter. Der Spieler kennt sehr schnell alle und ist noch mehr genervt, als wenn er sich einfach nur
einen Fortschrittsbalken anschauen müsste.

7. Audiocues
Das kann ich nicht nachvollziehen. Wann ist Audio auf einer Webseite gut? Ich würde sagen: Nie. Ich höre gern Musik, wenn ich am Rechner sitze. Das tun sicher viele. Und all diese Menschen hören Klangsalat, wenn eine Webseite ungefragt losplärrt. Besonders in
Zeiten von Tabs kann das auf die Nerven fallen: Welche der fünf aufgerufenen Seiten wird da gerade laut? Nur, wenn der Nutzer
vorgewarnt wurde und den Prozess bestätigt, halte ich Audio für eine gute Idee.

Insgesamt stimme ich Mia Northrop voll zu: Wer Webseiten designt, sollte sich auch andere Medien angucken. Da ist besonders die Wii
empfehlenswert, deren Controller am ehesten mit der normalen Maussteuerung am Rechner vergleichbar ist. Und Spaß kann die
Forschung an der Spielkonsole auch machen.

Von Jan Bojaryn

Sprachwissenschaftler, freier Autor und Texter. Befasst sich seit fast 20 Jahren professionell mit Sprache, Webdesign, Usability und Kommunikation im Netz. Schreibt Artikel und Ratgebertexte zu verschiedenen Themen. Liebt guten Text, nutzerfreundliches Design und Currywurst.

3 Antworten auf „Von Games lernen?“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.