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Warum kommt was wohin?

Inhalte auf einer Webpage platzieren – eigentlich ein alter Hut. Für Logo, Navigation, und wichtigen Inhalt gibt es Stammplätze, fast erkennt man beim Surfen ein unsichtbares Raster. Das wird entweder eingehalten oder die Site fällt durch. Ist das der Weisheit…

Inhalte auf einer Webpage platzieren – eigentlich ein alter Hut. Für Logo, Navigation, und wichtigen Inhalt gibt es Stammplätze, fast erkennt man beim Surfen ein unsichtbares Raster. Das wird entweder eingehalten oder die Site fällt durch. Ist das der Weisheit letzter Schluss? Nicht ganz.

Aus der Entfernung mag die richtige optische Aufteilung einer Webpage ganz einfach scheinen. Wer schon einmal daran gescheitert ist, Kunden Designprobleme zu erklären, kann ein Lied davon singen. Aus der Nähe der täglichen Arbeit präsentiert sich der Wust von Anforderungen, Regelungen, Trends und besonderen Wünschen oft als unlösbarer Knoten. Pauschale Lösungen gibt es da nicht. Wer alle Websites über einen Kamm scheren will, landet bei 08/15-Design. Wir wollen lieber einen Überblick schaffen, welche Techniken und welche Erfolgskriterien auf dem Schreibtisch liegen. Von da aus kann man Entscheidungen bewusster treffen und sich hoffentlich besser orientieren.

Ein ganzer Sack voll Konventionen
Webdesign ist noch jung und das Wissen von gutem Webdesign leitet sich schon deswegen aus anderen Disziplinen ab. Mediengestalter treffen auf Usabilityforscher, Informationsarchitekten auf Werber. In diesem Spannungsfeld haben sich einige Klassiker entwickelt.

Wo der Nutzer hinschaut
Das berühmte Jakob-Nielsen-F: Per Eyetracking hat Nielsen herausgefunden, was man auch ganz unwissenschaftlich bereits ahnt. Besucher einer Webpage schauen nach links oben und lassen dann den rastlosen Blick nach rechts, dann nach unten, dann wieder nach rechts wandern. Das passiert nicht systematisch. Zudem geht dem Besucher nach unten hin die Aufmerksamkeit aus. Aus diesem Aufmerksamkeitsmuster lässt sich grob ein F skizzieren. Websites, die von dieser Beobachtung profitieren wollen, platzieren die Elemente ihrer Site sinnvoll entlang diesem F. Also etwa das Logo links oben, rechts daneben eine Hauptnavigation, dann links nach Bedarf Unternavigation, mittig der wichtige Inhalt.

Auch ohne Blick auf das F gibt es klare Anhaltspunkte, wo ein Besucher hinschaut. Die Konvention diktiert Positionen für Logo, Inhalt und Navigation. Die haben Surfer genau so verinnerlicht wie Designer. Zudem ziehen Animationen und kräftige Farben Aufmerksamkeit auf sich. Aber sieht ein Element zu sehr nach Werbung aus, tritt der gegenteilige Effekt ein. Es wird von vielen Besuchern ganz ignoriert.

Gut verteilt
Alles, was man in den Raum stellt, nimmt ein Verhältnis zum Rest ein. Kein Innenarchitekt würde alle wichtigen Möbel möglichst dicht beieinander an den Hauseingang stellen. Damit Webdesigner das auch lernen, helfen Erkenntnisse aus dem Printdesign. Die Balance der Objekte und freien Flächen lässt sich auf vielen Wegen ausdrücken. Von der einfachen Einteilung einer Page in Spalten, über das Zugrundelegen eines Gitters bis hin zu Abhandlungen über White Space gehen die Versuche, den Raum klug einzuteilen.

Zwei Dinge stehen dabei im Fokus. Erstens müssen verschiedene Elemente räumlich klar voneinander getrennt werden. Zweitens muss die Anordnung der Elemente einer übergeordneten Logik folgen. Inhalte werden entlang unsichtbarer Linien angeordnet.

Dabei heraus kommt eine Schule des Webdesigns, die sich vom Bildschirm entfernt und die Augen zusammenkneift. Aus der Distanz kann man den Blick für das große Ganze entwickeln. So stellt man fest, dass die meisten Webpages heillos überfrachtet sind. Wenn dagegen eine klare optische Struktur entwickelt wurde, sieht alles gleich viel stimmiger aus. Das Auge muss weniger nach Inhalten suchen. Der Webdesigner kann die Aufmerksamkeit des Besuchers präziser lenken.

Platz für Wichtiges
Größe und Platzierung eines Elements sollten sich an seiner Wichtigkeit für die Site orientieren. Wichtig ist fast immer vieles auf einmal: dem Besucher den Zweck der Site kommunizieren, Kaufmöglichkeiten bewerben, übersichtliche Navigation, Hilfe und Kontaktmöglichkeiten anbieten, auf Neuigkeiten hinweisen. Aber die Leinwand, auf der wir arbeiten, hat enge (und ungewisse) Grenzen. Wir müssen wesentliche Ziele identifizieren und gezielt darauf hinarbeiten.

Immer noch werden aus der Angst, dass Besucher weder scrollen, noch klicken wollen, Monsterwebsites mit riesigem Kopf und mickrigem Körper geboren. Natürlich ist der erste Eindruck einer Seite oft das wichtigste Erfolgskriterium. Aber gerade deshalb muss ein guter Webdesigner harte Entscheidungen treffen. Vor allem das Weglassen ist eine hohe Kunst. Wie kann man einen Text kürzer und knackiger fassen? Welche Elemente sind besser auf Unterseiten aufgehoben? Einer guten Website merkt man an, dass alles planvoll an einem bestimmten Platz gelandet ist. Kein unnötiges Rauschen behindert die Information. Eine klare Hierarchie der Elemente ist zu erkennen. Erwartungen des Besuchers werden erfüllt.

Gesetze der Ästhetik
Erwähnen muss man sie. Darüber reden müssen wir hier allerdings kaum. Dass eine Website gut aussehen soll, versteht sich von selbst. Unter echten Bedingungen, nicht lokal auf dem Rechner oder auf dem Edeldisplay muss die Site attraktiv aussehen und den Geschmack der Zielgruppe treffen. Das ist immer schwer. Aber gute Beispiele gibt es zuhauf. Und den meisten professionellen Websites sieht man zumindest ein Bemühen an. Schließlich kann der Auftraggeber hier oft am besten erkennen, wenn etwas nicht stimmt.

Große Ziele
Verschiedene Wege haben wir rekapituliert – aber was ist das Ziel? Eine ganze Reihe von Kriterien muss erfüllt werden. Diese im Blick zu behalten, ist lebenswichtig. Nur so kann man die eigene Lage sinnvoll beurteilen. Für viele Kriterien gibt es objektive Messmethoden, die mit größerem Budget eine größere Rolle spielen sollten. Schließlich gibt es immer etwas zu verbessern.

Kosteneffizienz
Wer den eigenen Stundenlohn nicht im Blick behält, könnte ganz schnell draußen sein. Die Arbeitsgeschwindigkeit ist ein ewiger Stolperstein. Aber auch schlechte Kommunikation führt dazu, dass in sinnlose Beschäftigung investiert wird. Entwürfe werden ausgearbeitet, die niemand haben will. Webdesigner im Konkurrenzdruck versprechen dem Kunden aufwändige Gimmicks, obwohl das Budget eigentlich zu knapp ist. Kaum ein Mensch rechnet gern nach, aber gerade Selbständige müssen einen soliden Plan ihrer Finanzen haben, um zu überleben.

Nutzerfreundlichkeit
Grundsätzlich sollte eine Website leicht zu bedienen sein. Jeder, der sie benutzen möchte, sollte das ohne Probleme tun können. Groß angelegte Tests sind aber leider eine Seltenheit und so ist Kreativität und Einfühlungsvermögen gefragt, um den Kenntnisstand der Besucher und das Angebot der Site unter einen Hut zu bringen. Hier können Analyse-Tools weiterhelfen. Ist die Site erst einmal gestartet, bekommt man recht einfach Anhaltspunkte, ob die Nutzer mit der Website umgehen können.

Zielgruppenorientierung
Kaum eine Website ist wirklich für jeden gedacht. Je homogener die Gruppe der anvisierten Besucher ist, desto leichter fallen Entscheidungen. Auch hier können Analysetools helfen. Aber letztendlich führt an echtem Feedback kein Weg vorbei. Schnell verschätzt man sich, wenn man über Senioren, Studenten oder IT-Fachleute urteilt. Ganz leidig wird es beim Webdesign für junge Menschen. Viele kommen da nicht ohne Flash aus. Besser wäre oft, mit Kollegen anzuvisieren, für welche Gruppe man gestaltet und was diese Gruppe kann, erwartet und will.

Zwischen den Stühlen
Als Webdesigner befindet man sich, freundlich gesagt, in einem Spannungsfeld. Ideallösungen gibt es nicht. Also macht man zwangsläufig Fehler. So lange man es beruflich und finanziell verkraften kann, ist das eine gute Sache. Souveränität kommt nur durch Erfahrung. Immer sollten nach Milestones eines laufenden Projekts kritische Fragen gestellt werden. Was wird vernachlässigt? Auf welchem Auge ist ein Entwurf blind? Werden zentrale Konventionen missachtet? Besonders nach der Fertigstellung eines Jobs ist die kritische Nachbetrachtung überlebenswichtig. Dabei können die hier genannten Ziele als Orientierung dienen. Wer aus schlechten Erfahrungen lernt und neue Herangehensweisen entwickelt, kommt voran. ™

Erstveröffentlichung 05.07.2007

Von Jan Bojaryn

Sprachwissenschaftler, freier Autor und Texter. Befasst sich seit fast 20 Jahren professionell mit Sprache, Webdesign, Usability und Kommunikation im Netz. Schreibt Artikel und Ratgebertexte zu verschiedenen Themen. Liebt guten Text, nutzerfreundliches Design und Currywurst.

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