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Webdesign ist Architektur

Webdesign ist Pionierarbeit. Neue Ideen, neue technische Möglichkeiten, neue Standards gehören für uns zum Alltag. Wir setzen unseren Fuß dahin, wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist. Wenn wir genau hinschauen, entdecken wir in der neuen Welt allerdings Fußabdrücke….

Webdesign ist Pionierarbeit. Neue Ideen, neue technische Möglichkeiten, neue Standards gehören für uns zum Alltag. Wir setzen unseren Fuß dahin, wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist. Wenn wir genau hinschauen, entdecken wir in der neuen Welt allerdings Fußabdrücke. Und denen sollten wir folgen.

Wer das Gefühl hat, sich im völligen Neuland zu bewegen, der weiß schnell nicht mehr, wohin. Wenn wir uns fragen, was Webdesign kann, dann schauen wir uns in Design-Galerien um und suchen nach guten Beispielen, von denen man ein bisschen abschauen kann. Aber natürlich kochen wir nicht einfach im eigenen Saft.

Einige Einflüsse auf unser Medium klopfen wir regelmäßig ab. Viele Webdesigner beschäftigen sich mit Typografie und Printdesign. Viele Fotografen und Grafiker wissen ihr gutes Auge auch im neuen Medium einzusetzen. Das ist gut. Denn wichtige Inspiration kommt auch von außen. Sich anzuschauen, was die Künste anderswo hervorbringen, hilft. Natürlich kann man nichts einfach übernehmen. Jeder kennt Webseiten, die erfolglos versuchen, Print-Ästhetik eins zu eins ins Netz zu übertragen.

Viele Künste, die traditionell nicht unbedingt in die Nähe des Webdesigns gerückt werden, verdienen mehr Aufmerksamkeit. Viele glauben, Webdesign sei eine junge Disziplin. Je nach Blickrichtung ist sie allerdings nur eine Fortsetzung der ältesten Kunst: der Architektur.

Die Vorstellung ist nicht neu und findet sich in Bezeichnungen wie der Informations- und auch der Webseiten-Architektur bereits wieder. Aber ein genauer Blick, was uns verbindet und was uns trennt, bietet mehr, als luftige Konzepte. Es gibt ganz konkrete Entsprechungen zwischen Webdesign und Architektur. Und aus denen kann man ganz konkrete Schlüsse ziehen.

Was uns verbindet
Architektur ist die Gestaltung eines Raumes. Sie umgibt uns jeden Tag und in der Regel nehmen wir sie kaum noch wahr. Wo sie uns vertraut ist, fallen uns vor allem ihre Funktionen auf. In diesem Rahmen entsteht Architektur auch. Sie besitzt zuerst einen Zweck, ein Ziel, zu dem sie gebaut wird. Beeinflusst wird sie zum einen durch natürliche Bedingungen, vom Klima bis zum Baustoff, die einen Rahmen des Machbaren vorgeben. Zum anderen üben Kultur und Gesellschaft einen starken Einfluss aus. Aus diesen Vorgaben plant der Architekt einen Entwurf und führt ihn aus.

Diese grundsätzliche Beschreibung lässt sich passgenau auf Webdesign anwenden. Grob gesagt, wir gestalten auf ein Ziel, eine Funktion hin. Eine Webseite ist nicht nur dazu da, schön auszusehen. Wir arbeiten im Rahmen der Möglichkeiten des Mediums und den Erwartungen des Publikums. Ein bisschen genauer müssen wir allerdings ins Detail gehen, wenn wir mit diesem Wissen etwas aus der Architektur herausholen wollen.

Zu Kultur und Gesellschaft: Gestaltung ist immer beeinflusst durch Ideologie und gesellschaftliche Verhältnisse. Einladend oder abschreckend? Nach unserem Maßstab gebaut oder einschüchternd? Design muss der gerade gültigen Ästhetik entsprechen.

Dass jedes Medium Gesetze mitbringt, ist banal. Architektur arbeitet mit den Eigenschaften der eingesetzten Materialien, muss der Schwerkraft und dem Klima trotzen. Webdesign kennt die Bandbreite als Nadelöhr, das Display als unklare, begrenzte Sichtfläche, bestimmte Eingabemedien, bestimmte Standards, denen die Seite entsprechen muss. Interessant ist allerdings, dass in beiden Disziplinen diese Gesetze herausgefordert werden. Was gibt die Schwerkraft vor? Fast immer glaubte man, das zu wissen. Mit der Fortentwicklung der Bauweisen, mit der Erschließung neuer Materialien können wir heute riesige, frei spannende Konstruktionen umsetzen.

Mit der Fortentwicklung der Web-Technologien bringen wir komplexe Programme im Browser unter, machen User zu Produzenten; mit größerer Bandbreite entstehen optisch neue Möglichkeiten, kann man hochwertige Videos streamen. Wir müssen im Blick behalten, dass der nächste Paradigmenwechsel nie weit entfernt ist.

Den Gegenpol bilden die geltenden Standards. Die Typisierung, der es zu entsprechen gilt. Wo eine Tür oder eine Navigationsleiste hingehört, ist nicht frei verhandelbar, sondern an Konventionen gebunden. Dass diese Typisierung im Netz nicht so tradiert ist, wie in der Baukunst, heißt nicht, dass sie weniger verbindlich sein sollte.

In der Architektur gibt es Körper, die einen Raum definieren. Im Webdesign übernehmen grafische Elemente dieselbe Funktion.

Grundlagen der Ästhetik sind im Webdesign kaum anders, als in der Architektur. Wenn wir uns Baukunst anschauen, können wir über Proportionen, über Raumerlebnisse Dinge lernen, die genauso im Netz gelten. Einfache geometrische Formen wirken auf uns vollkommen.

Die Arbeitsschritte auf dem Weg zum fertigen Produkt sind schließlich so weit vergleichbar, dass viele Erkenntnisse übertragbar sind. Auch Architekten arbeiten erst in der groben Vorstellung, entwickeln Ideen, wie ein Programm, eine Funktion in den Raum übertragen wird, skizzieren und entwickeln diese im Team bis zur Konstruktion.

Was uns trennt
Dass Architektur und Webdesign dasselbe seien, ist zugegeben eine zugespitzte Behauptung. Offenkundig sind die Unterschiede.

Primäre Funktionen der Architektur (Einen Raum schaffen, abgrenzen, der uns schützt) gibt es im Webdesign nicht. Wir arbeiten nur mit dem, was man in der Architektur sekundäre Funktionen nennen würde; dem, was man auf der Webseite macht.

Webdesign ist zweidimensional. Diesem Unterschied fällt auch das Verhältnis von innen und außen zum Opfer. Wir sehen nur eine Gestalt, keine Raumwirkung. Höchstens die Frontpage einer Webseite und die Fassade eines Gebäudes sind vergleichbar.

In einem Raum hält man sich auf. Er ist begrenzt, man kann sich nicht beliebig schnell in ihm bewegen. Im Webdesign springen wir zwischen Tabs, jeder externe Link ist eine Möglichkeit, den Raum in Sekunden zu verlassen. Der Raum bindet hier nicht.

Was wir damit anfangen können
Mit diesem Blick auf Bezüge kann man arbeiten. Ansichten von Baukunst sagen jedem etwas und müssen nicht übersetzt werden. Aber in vielen Fragen, die über bloßes Schönfinden hinausgehen, können wir diese Hinweise sinnvoll einsetzen. Wie wird eine Bauweise begründet? Welches Ziel wird mit welcher Strategie umgesetzt? Wie wird Ästhetik gesehen, begründet, wie wird sie umdefiniert, weiter entwickelt? Auf diese Fragen gibt Architektur seit Jahrtausenden Antworten. Und wir stellen uns seit Jahren dieselben Fragen. ™

Die Fotos stammen von Jonas Repke

Erstveröffentlichung 12.09.2008

Von Jan Bojaryn

Sprachwissenschaftler, freier Autor und Texter. Befasst sich seit fast 20 Jahren professionell mit Sprache, Webdesign, Usability und Kommunikation im Netz. Schreibt Artikel und Ratgebertexte zu verschiedenen Themen. Liebt guten Text, nutzerfreundliches Design und Currywurst.

Eine Antwort auf „Webdesign ist Architektur“

Selten eine Frage des Geschmacks… tatsächlih kann man aus dem Leben der Architekten lernen. Schon in der Lehre wird verlangt, fast jede Entscheidung fundiert zu begründen: Warum gerade diese Fensterproportionen? Wieso dieses und kein anderes Material? …

Das beugt der gestalterischen Willkühr vor. Es leistet der klaren Einfachheit, der Nachvollziehbarkeit und der Schönheit Vorschub. Vielen Dank für diesen Artikel!

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